Die Geschichte des Sudbury-Konzepts
Der Weg zur Sudbury-Schule
Seit Jahrhunderten besteht die Sehnsucht der Menschen, sich so frei bilden zu können wie es ihrer Eigenheit
entspricht. Zahlreiche herausragende Persönlichkeiten bekannten sich zur Wirksamkeit freier Bildung. Jedoch
standen die Machtverhältnisse und Wirtschaftssysteme einer solchen Bildung stets im Wege.
Erst die globalisierte, postmoderne Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft scheint dieses Problem
grundsätzlich aufzuheben. Der explosionsartige Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen und die
Beschleunigung der technischen Umwälzungen lassen jegliche Beschränkung auf bestimmte Bildungsinhalte
immer fragwürdiger erscheinen. Die Erkenntnisse von Psychologie und Hirnforschung (Lernpsychologie und
Neuropädagogik) untermauern immer nachdrücklicher die Individualität des Lernprozesses. In der Wirtschaft
werden immer mehr die sogenannten „soft skills“ nachgefragt: Selbstsicherheit, Konzentrationsvermögen,
Kooperations- und Teamfähigkeit, Führungskompetenz und Einordnungsvermögen, Flexibilität.
Der direkte Vorläufer: Neills Summerhill – eine sächsische Gründung
Schon 1921 entstand in der Gartenstadt Dresden-Hellerau die Summerhill School als Internationale Freie Schule. (Nitschke 2003:78-89). Sie ist inzwischen in der Kleinstadt Leiston in der englischen Grafschaft Suffolk angesiedelt und erfolgreich wie nie zuvor: die heute älteste funktionierende Schuldemokratie der Welt. „Bis zu seinem Tod hatte er (Neill, d.V.) in seinen Büchern als Gründungsort von „Summerhill“ Hellerau angegeben. Seit der Gründung der „Internationalen Freien Schule“ haben sich ... sein Schulmodell und seine Erziehungspraxis nicht mehr geändert.“ (Nitschke 2003:89)
Diese Schule ist bis heute sehr gefragt und hat nachhaltig die weitere Entwicklung Demokratischer Schulen weltweit beeinflusst. Aktuell bietet sie auch deutschen Schülern - unter anderem aus Sachsen - die Möglichkeit einer zukunftsfähigen Bildung. Deshalb sei hier kurz auf das Summerhill-Konzept eingegangen. Die Regeln des Zusammenlebens werden von der Schulversammlung festgelegt, in der jeder Schüler vom 5jährigen „san kid“ bis zum 18jährigen „carriage“ und jeder Mitarbeiter vom „house parent“ bis zur Schulleiterin jeweils eine gleichwertige Stimme hat. In den demokratischen Prozessen haben die Schüler stets eine Mehrheit von etwa 6:1. Bei Regelverstößen tritt ein Justizsystem in Aktion, das jedem Angezeigten ein faires Verfahren einschließlich Verteidigungs- und Widerspruchsrecht sichert.
In der Summerhill School ist die Teilnahme an jeglichem Unterricht freigestellt, so dass einzelne Schüler jahrelang überhaupt keinen Unterricht besuchen, andere hingegen sehr viel. Ein Mitarbeiterteam unterbreitet in den Hauptfächern und in den von Schülern favorisierten Nebenfächern ein Unterrichtsangebot. Die Unterrichtsinhalte werden zwischen Lehrkräften und Schülern ausgehandelt. Auf Anforderung der Schüler kann der Unterricht entsprechend britischer Lehrpläne auch zu den in England üblichen Abschlüssen GCSE (etwa Realschule) bzw. A-Level (etwa Abitur) führen. Eine unabhängige Studie des Centre for Self Managed Learning (Cunningham, 2000) ergab, dass Summerhill-Absolventen zu 97,6% A-Level (Abitur) und höhere akademische Abschlüsse machen. Dies geschieht in einer Schule, die sich jeglicher Beurteilung des akademischen Schulerfolgs ihrer Schüler bewusst und konsequent enthält.
Sudbury Valley School – typisch Amerika?
1968 gründete eine Gruppe von Eltern und Pädagogen die Sudbury Valley School nahe der Stadt Framingham im US-Bundesstaat Massachusetts. Das Zusammenfallen dieses Termins mit dem Höhepunkt der „68er“ Bewegung ist nicht ganz zufällig, da ein zentrales Thema in dieser Bewegung die Unzufriedenheit mit der damaligen Bildungssituation war. Und Summerhill avancierte zur Kultschule der Bewegung. Doch weder Summerhill noch die Gründer der Sudbury Valley School konnten sich mit der Welle der in Deutschland berühmt gewordenen „antiautoritären Erziehung“ identifizieren.
Sehr viel wichtiger als der politische Aufruhr war für die Sudbury-Gründer die Erkenntnis, dass die Zeit der alten industriellen Fabrikarbeit abläuft und dass ihre Kinder in der sich entwickelnden Arbeitswelt künftig ganz anderen Anforderungen genügen müssen. Die parallele Konzipierung und Entwicklung des Internets veranschaulicht die Wichtigkeit von Vernetzung, Selbstbestimmung und Flexibilität. Die Sudbury Valley School entwickelte das Summerhill-Konzept mit Konsequenz in Richtung Demokratie und Selbstbestimmung weiter.
Die wichtigsten Unterschiede zwischen Summerhill und Sudbury Valley:
- Die Sudbury Valley School ist eine Tagesschule. Sie verzichtet bewusst auf ein vorstrukturiertes Unterrichtsangebot. Unterricht kommt nur auf Verlangen von Schülern zustande und beinhaltet auch nur das, was die Schüler wählen.
- Die Mitarbeiter werden von der Schulversammlung gewählt und müssen sich einmal im Jahr einer Wiederwahl stellen.
- Die Eltern sind aktiv in die Entscheidungsstrukturen der Schule eingebunden. Sie sind gemeinsam mit Schülern und Mitarbeitern Mitglieder des Trägervereins der Schule und somit an der Entscheidung über die Verfasstheit und das Jahresbudget der Schule beteiligt. Die Grundsätze der Schule werden von diesem Trägerverein definiert. Das Justizsystem trennt schärfer als in Summerhill die Stufen eines rechtsstaatlichen Verfahrens: Anzeige, Untersuchung, Anklage, Prozess und Urteil.
Auch an dieser Schule gibt es beachtliche akademische Ergebnisse: 85% aller Absolventen studieren an Hochschulen und Universitäten, die anderen 15% entscheiden sich selbstbewusst für eine Berufslaufbahn ohne Studium (vgl. Greenberg/Sadofsky 1992). Unerfüllte Studienwünsche sind von dieser Schule nicht bekannt, auch kein einziger Fall von Legasthenie und Dyskalkulie (Greenberg 2004:38). Dieses Schulkonzept wurde in den USA und Kanada von Dutzenden Schulgründungsinitiativen erfolgreich nachgenutzt. In den 90er Jahren erreichte die Sudbury-Gründungswelle auch Australien und Israel und schließlich – Europa (Eine internationale Übersicht über Demokratische Schulen und Gründungsinitiativen findet sich auf dieser Webseite.
Sudbury in Europa
Die dänische Næstved Fri Skole ist die erste Sudbury-Schule in Europa. Sie wurde im August 1998 von einer Elterninitiative gegründet. Und sie findet in vielen Ländern Europas Nachahmung: In Spanien, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Frankreich, Finnland.
Seit einigen Jahren bemühen sich auch in Deutschland mehrere Gründungsgruppen um die Schaffung von Sudbury-Schulen. Gründungsbestrebungen gibt es in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Besonders den Aktivitäten, z.B. Übersetzungen der Berliner Gründungsgruppe ist es zu verdanken, dass das Sudbury-chulkonzept bundesweite Bekanntheit erfährt. Die beiden erste Bücher über die Sudbury Valley School in deutscher Sprache wurden auch von einem Vertreter dieser Gruppe ins Deutsche übersetzt: „Endlich frei! Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule“ von Daniel Greenberg erschien 2004 im Arbor Verlag Freiburg, „Die Sudbury Valley School. Eine neue Sicht auf das Lernen“ erschien 2005 im tologo Verlag Leipzig.
Sudbury in Mitteldeutschland
Im November 2003 begann eine Gruppe von Eltern und Pädagogen im Raum Halle-Leipzig ihre Arbeit an der Gründung einer Sudbury-Schule. Sie gründete im Juni 2004 den Verein Sudbury-Schule Halle-Leipzig e.V.. Der Schwerpunkt der Gründungsarbeit hat sich zunehmend nach Leipzig verlagert, so dass der Standort der ersten Schule des Vereins in Leipzig oder seinem Umland angesiedelt sein wird. Seit September 2004 führt der Verein öffentliche Veranstaltungen durch. In der Vorbereitung und Durchführung zeigt sich, dass sowohl konkrete Interessen von Eltern, Schülern und potenziellen Mitarbeitern an der Gründung einer solchen Schule bestehen, als auch ein bemerkenswertes gesellschaftliches und wirtschaftliches Interesse in Westsachsen. Die Gruppe und ihr Umfeld werden von selbständig tätigen bzw. nach Selbständigkeit strebenden Erwachsenen und Kindern geprägt. Ziel war die Eröffnung der Schule zum Schuljahresbeginn 2005.
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