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EUDEC 2008

Frankfurter Rundschau, 16. August 2005

Aus freien Stücken

Utopie oder erfolgreiches Versuchslabor? In Berlin diskutierten "demokratische Schulen" über Lernen ohne Zwang.

Die 14-jährige Maria hat sich entschieden: Schule, so wie sie sich ihr acht Jahre präsentiert hat, ist nichts für sie. Man mache ihr Vorschriften, anstatt sie selbstbestimmt lernen zu lassen, sagt sie, und erziehe sie zu Anpassung und Mauschelei statt zu Selbstständigkeit und Charakterstärke. Damit sich das ändert, besucht Maria ab 26. August die neu gegründete Sudbury-Schule Halle-Leipzig. Dort gibt es weder Stundenplan noch Fächerkanon oder Pausenregeln. Die Schüler von drei bis 17 Jahren lernen, was sie lernen wollen und organisieren ihre Schule nach Regeln, die sie sich selber geben. Es gibt auch keine Pflicht, Unterricht oder auch nur die Schule zu besuchen.

Weil das so ist, gibt es allerdings auch keine Erlaubnis: Das Regionalschulamt Leipzig hat weder die Schule genehmigt noch den Anträgen der 35 Eltern auf Befreiung von der Schulpflicht stattgegeben. Dennoch will die Sudbury-Schule starten: "Unseren Kindern rennt die Zeit weg", sagt einer der Gründer, Uwe Hartung, "und wenn der Staat das nicht einsieht, dann fangen wir eben einfach an."

Fast an jedem Ort der Welt würde man die Schülerin Maria und den Vater und Pädagogen Hartung für entweder außerordentlich mutig und konsequent oder außerordentlich naiv und spinnert halten. Auf dem "Welttreffen Demokratischer Schulen" waren sie ganz normal. Dort versammelten sich Schüler aus der ganzen Welt, die nur aus freien Stücken lernen. Aus der ganzen Welt? Fast. Eine der ersten Lektionen, die der ungeschulte Teilnehmer erteilt bekam, war die, dass alternative Bildung kein Privileg der westlichen Hemisphäre ist: Aus Israel und Indien, Japan, Südkorea und Russland waren Schüler so genannter "demokratischer Schulen" angereist. Und, natürlich, aus den klassischen Nestern antiautoritärer Erziehung von der US-amerikanischen Sudbury- bis zur britischen Summerhill-Schule. Letztere wartete mit dem prominentesten Gast der Konferenz auf: Zoe Readhead, ehemalige Schülerin und heute Leiterin der Summerhill-Schule - und Tochter des legendären Gründers und Reformpädagogen A.S. Neill.

Was aber macht nun eine demokratische Schule aus? Otto Herz, ebenfalls ein anerkannter Reformpädagoge, übte sich als Advocatus Diaboli und provozierte die selbst ernannten Schuldemokraten: Ist nicht jede Schule demokratisch - weil jede undemokratische sofort geschlossen würde? Bieten nicht auch staatliche Schulen längst Wahlfreiheit und hat sich nicht auch dort herumgesprochen, dass Lernen nur gelingt, wenn die Lernenden einbezogen werden? Und, angesichts des Publikums besonders teuflisch: Brauchen nicht Kinder etwas Druck, um zu lernen, dass im Leben auch unangenehme Dinge erledigt werden müssen?

Die Provozierten schlugen sich wacker - und vermittelten selbst Skeptikern das Bild, das die etwa 70 demokratischen Schulen weltweit vielleicht doch kleine funktionsfähige Labore des Lernens ohne Zwang seien. "Jedes Kind will lernen und etwas aus sich machen", argumentierte Zoe Readhead, "man muss ihnen nur die Zeit geben, selbst herauszufinden, was das Richtige für sie ist." Dass dabei auch Umwege gegangen werden, gibt sie unumwunden zu: Auch Summerhill habe Schüler gehabt, die drei Jahre mit dem Skateboard rumrasten oder im Wald spielten - bis sie zu begeisterten Schreinern oder IT-Experten wurden. Meghan Carrico aus Kanada, ebenfalls Leiterin und Tochter des Gründers einer alternativen Schule, fügte hinzu, dass es aus demokratischer Sicht gar keine Alternative gebe: "Jede Schule, die ihre Schüler nicht fragt, was sie wollen, ist undemokratisch."

Bei einem genaueren Blick auf die seltenen Blüten in der internationalen Schullandschaft wurde aber auch deutlich, dass die Modelle durchaus unterschiedlich sind: Am einen Ende der Skala findet sich das Sudbury-Modell, in dem es gar keinen Unterricht gibt. "Die meiste Zeit quatsche ich mit Freunden, lese Bücher oder höre Musik", erzählte der Schüler Michael Sappir aus Jerusalem. Nur auf Anfrage der Schüler würden Lehrer - die hier Mitarbeiter heißen - eine Art Unterricht zu bestimmten Themen anbieten. Am anderen Ende der Skala stehen Modelle wie die britische Sands School und in einem geringeren Maße Summerhill, wo es Stundenpläne und Unterricht gibt, die Schüler aber selbst entscheiden, ob und woran sie teilnehmen.

Was aus den mehreren Generationen Schülern geworden ist, ob sie etwa nicht nur glücklich, sondern auch erfolgreich geworden sind, ist so gut wie nicht erforscht. David Gribble, Gründer der Sands School, ist über 70 und hat fast jede demokratische Schule der Welt besucht. Die einzige ihm bekannte Studie, erzählt er, sei 30 Jahre alt und hätte nur 50 Absolventen in Großbritannien befragt. Unter denen seien - allerdings in den bunten 70ern - überdurchschnittlich viele Schriftsteller, Musiker, Ärzte und Sozialarbeiter gewesen.

Mehr als 30 Jahre nach der Hochzeit der antiautoritären Erziehung und vier Jahre nach Pisa bekommt die Idee auch in Deutschland Zulauf. Ein Jahr nach der Eröffnung der Sudbury-Schule in Überlingen am Bodensee startet nun die Leipziger Schule. In Berlin, Hamburg, München, Köln/Bonn, Lüneburg und Osnabrück gibt es einschlägige Initiativen. Weltweit ist der 1968 in Massachusetts entwickelte Schultyp circa 40mal vertreten. In den meisten anderen Ländern ist die Gründung etwa wegen anderer Regelungen zur Schulpflicht leichter.

In Deutschland setzen die Veranstalter darauf, dass man sie gewähren lassen wird und sich keine staatliche Schule weigern wird, auch Sudbury-Schüler aufzunehmen - schließlich ist das der einzige Weg, sie in das gewünschte System zu integrieren. Viele Schüler sind es ohnehin nicht - in Leipzig gibt es 35 Anmeldungen. Otto Herz wurde angesichts der fast überall winzigen Schulen noch einmal diabolisch: "Ich habe nichts gegen eure pädagogisch-ideologischen Provinzen - aber die Realität verändert ihr damit nicht!"


Jeannette Goddar

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