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Corriere Della Sera (Italien), 28. August 2005 Die demokratische Schule: Die Schüler entscheiden über Stundenplan und FächerIn Leipzig wird die zweite Sudbury-Schule in Deutschland eröffnet: Zum Unterricht geht man, wenn man Lust hat.Berlin – Tom Sawyer wäre begeistert gewesen. Es ist der verbotene Traum jeden Schülers. Der Unterricht wird nur auf Anfrage gegeben. Die Fächer sind frei wählbar. Die Lehrer heißen Kollegen und wenn sie die Klasse nicht zufrieden stellen, können sie ersetzt werden. In Leipzig ist dieser Traum seit gestern für 35 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren Wirklichkeit geworden. Aber die Eröffnung der Sudbury-Schule Halle-Leipzig, inspiriert von der Sudbury Valley School in Framingham (Massachussets), entfacht einen großen Konflikt zwischen den Initiatoren des Projekts und der Schulbehörde des Landes Sachsen, die dieses Experiment als illegal ansieht und alle verfügbaren Mittel einsetzen will, um es zu unterbinden.
Die Schulgründung ist Anfang August in Berlin im Rahmen der jährlichen IDEC angekündigt worden, der Internationalen Konferenz für demokratische Bildung, die etwa 40 ähnliche auf der ganzen Welt verstreute Schulen koordiniert. Die Schule in Leipzig ist nach der Initiative in Überlingen am Bodensee die zweite Sudbury-Schule in Deutschland. Diese steht schon länger auf Kriegsfuß mit den Schulbehörden, die sie als illegal eingestuft haben und ihr verboten haben, sich „Schule“ zu nennen, zusätzlich zu den hohen Strafen, die den Eltern der Schüler auferlegt wurden.
Uwe Hartung, 44, Lehrer und Vater einer 15-Jährigen, die eine weitere berühmte demokratische Schule besucht, Summerhill in England, ist einer der Gründer der Sudbury-Schule Leipzig. „Die Schulen müssten so funktionieren, wie die Gesellschaft“ erklärt er. Das bedeutet Gleichwertigkeit für Schüler und Lehrer in der Mitbestimmung der Regeln, völlige Freiheit den Stundenplan und dessen Inhalte für sich selbst zu organisieren. Über die Beachtung der in der Vollversammlung gefällten Entscheidungen wacht eine Art Schulgericht, in dem sowohl die Schüler als auch die Lehrer vertreten sind. „Wir haben nichts gegen die Festsetzung bestimmter Ziele und didaktischer Standards,“ erklärt er „ aber der Weg dahin muss von Fall zu Fall unterschiedlich sein können. Es gibt Kinder, die spät lesen lernen, aber mit 15 kann man da keinen Unterschied mehr feststellen.“
Diese Argumente überzeugen die Landesbeamten nicht. Soviel Freiheit in der Pflichtbildung, meinen sie, verstößt gegen das Grundgesetz. „Schließlich“ sagt Gerd Kusserow, stellvertretender Amtsleiter des Regionalschulamtes, „hat der Staat eine bestimmte Pflicht zu bilden und zu erziehen. Es ist nicht möglich, dass ein Schüler alleine bestimmen kann, ob er ihr nachkommt oder nicht.“ Der Zusammenstoß ist unvermeidlich, wenn man nach Überlingen blickt, wo die Juristen des Landeskultusministeriums derzeit neue Aktionen im Krieg gegen die örtliche Sudbury-Schule, besser bekannt als „Katzenhäusle“ überdenken. Die extreme Variante wäre, die Polizei hinzuschicken und alle Kinder mit Gewalt in eine staatliche Schule zu transportieren, aber bisher haben die Behörden von einer so traumatischen Lösung zurückgeschreckt. Inzwischen haben sie Matthias und Karen Kern, die Gründer der Schule, gebeten, sich formell zu verpflichten, die Bildungsstandards von Baden-Württemberg zu beachten, d.h. dass bestimmte Lernziele innerhalb bestimmter Zeitrahmen erreicht werden.
Laut Uwe Hartung besagt die Erfahrung aus Summerhill, dass nur einer von 40 Schülern des englischen Projekts die Schule verlässt, ohne ein Bildungsniveau erreicht zu haben, der zum Besuch einer Hochschule befähigt. In Wirklichkeit ist das Hauptproblem, sagen die Experten aus Sachsen, dass es bisher keine wissenschaftliche Studie über Risiken und Chancen der so genannten demokratischen Schulen gibt. Eine Dialogmöglichkeit könnte eröffnet werden, wenn das Land zustimmen würde, die neue Sudbury-Schule als Pilotprojekt zu betrachten, um später deren Ergebnisse zu evaluieren. Doch hier handelt es sich um eine „politische Entscheidung“, fügt er hinzu. Inzwischen hat sich Uwe Hartung schon an einem Anwalt gewendet.
Paolo Valentino |