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Südkurier, 06. Oktober 2005 Ohne Lehrplan Zulassung verweigertSudbury-Schule muss ihren Betrieb einstellen.
Der Blaue Brief war am Ende der großen Ferien gekommen, mit Androhung eines Bußgelds von 25000 Euro an aufwärts. Das Oberschulamt Tübingen will den Betrieb der freien Sudbury-Schule in Nesselwangen nicht länger dulden und zeigt Eltern und Lehrern die rote Karte. Gespräche und Bemühungen um eine Petition waren am Ende vergeblich gewesen.Überlingen - Zuletzt hatten 16 Jungen und Mädchen vom Grundschul- bis zum Gymnasialalter auf eigene Faust ihre Lernerfahrungen gesammelt, nur "begleitet" von drei Pädagoginnen. Nun müssen sich die Schüler wohl oder übel wieder an die rigideren Vorgaben der staatlichen Bildungspläne gewöhnen - sei es an der Grundschule im Dorf oder dem Gymnasium.
Der Bodenseekreis hatte schon im Verlauf des Jahres Bußgeldbescheide verhängt, die teilweise vor dem Amtsgericht verhandelt worden waren. Der Richter hatte Eltern respektvoll "ehrenwerte Motive" bescheinigt, die gegen das Schulrecht allerdings wenig ausrichten könnten. So sah es nun offensichtlich auch das Oberschulamt Tübingen als verlängerter Arm des Kultusministeriums.
Der Verein sei mehrfach darauf hingewiesen worden, dass der Schulbetrieb nicht genehmigt sei, räumt Gabriele Kirchner, eine der Initiatorinnen und Lehrerinnen durchaus ein, fügt allerdings hinzu: "Wir haben sehr gute Gespräche mit den Vertretern des Oberschulamts geführt." Am Ende sei die definitive Absage daher "schon überraschend gekommen", sagt sie resigniert: "Doch wir geben auf."
Man solle doch wenigstens einen klitzekleinen Lehrplan machen, habe man immer wieder geraten, um sich das Mäntelchen eines wohl geordneten Betriebs um zu hängen. Für die Verfechter des freien Lernens nach amerikanischem Vorbild wäre dies allerdings ein unaufrichtiger, fauler Kompromiss gewesen, der dem Geist der Schule widersprochen hätte. "Das wäre gegen unsere Grundphilosophie gewesen", betont Kirchner: "Bildung muss frei sein."
Lange Diskussionen hatte es noch im Frühjahr gegeben, ehe die baurechtliche Nutzungsänderung für die Gebäude am Katzensteigle von der Stadt und den Gremien des Gemeinderats genehmigt worden war. Wenig Erfolg hatten dagegen die Vorstöße bei Landtagsabgeordneten. Lediglich Norbert Zeller (SPD) habe sich stark gemacht für das Projekt. Ansonsten sei - wenn überhaupt - von allen Seiten der gleiche Tenor zu lesen gewesen: "Innerhalb des vielfältigen Schulwesens gebe es sicher für jeden etwas, die neue Sudbury-Schule sei eigentlich unnötig", fasst Kirchner die Meinungen der politischen Vertreter zusammen.
Zum Ende der Sommerferien hatte das Oberschulamt nun die Betreiber der Schule aufgefordert, bis zum 15. September eine Erklärung abzugeben, ob die freie Bildungsalternative als Konkurrenz zur staatlich verordneten Schulpflicht erhalten bleiben solle, und den Verein auf die Konsequenzen des illegalen Betriebs aufmerksam gemacht. "Einen Rechtsstreit hätten wir uns nicht leisten können", sagt Kirchner. Für viele brach damit eine Welt der Hoffnung zusammen. Zwei Familien waren nur wegen der Schule nach Überlingen gezogen. "Manche überlegen jetzt, auszuwandern", weiß die Pädagogin.
Vielleicht reicht ja ein Umzug in die neuen Bundesländer. Bei einem Kongress in Berlin wurde Anfang August der Start einer Sudbury-Schule im Raum Halle/Leipzig schon mal gefeiert, auch wenn er nicht genehmigt ist. Die Verantwortlichen hatten jedoch gleich die Empfehlung mitgenommen, sich von Anfang an juristischen Beistand zu sichern. "Denn nach unserer Verfassung müsste eine solche Schule möglich sein", betont Kirchner. Während in den Niederlanden inzwischen schon rund 30 Schulen dieser Art am Laufen seien, würden hierzulande die Zügel der Bildungsbürokratie eher angezogen.
Nun sucht der Verein Sudbury-Schule einen Nachmieter, um nicht weitere sechs Monate Miete für die nicht genutzten Räume zu zahlen.
Hanspeter Walter |