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Handelsblatt, 01. Juni 2007 Mehr Freiheit im Unterricht wagenAn vielen Privatschulen werden alternative Konzepte verwirklicht - Frontalunterricht und
45-Minuten-Stunden sind passé
Birgitta vom Lehn
Privatschulen
leisten sich oft Konzepte, die an staatlichen
Schulen nicht verwirklicht werden
können. Gerade dieses Ausscheren aus
der Norm macht sie für viele Eltern und
Kinder so attraktiv. Als "Zappelphilipp"
beispielsweise hat man es in der Schule
schwer. Laut der Kinder- und Jugend-
Gesundheitsstudie des Berliner Robert-
Koch-Instituts vom Mai gilt inzwischen
jeder fünfte Junge und jedes zehnte
Mädchen als verhaltensauffällig.
Langes Stillsitzen und Konzentrieren
auf den Unterricht ist für hyperaktive
Kinder nahezu unmöglich. Ärzte und
Eltern neigen - dem amerikanischen
Trend folgend - auch in Deutschland dazu, diese Kinder mit Psychopharmaka
ruhigzustellen. So stieg innerhalb von
drei Jahren der Umsatz mit Ritalin, dem
gängigen Medikament für die Behand-
lung des "Zappelphilipp-Syndroms", um
270 Prozent. An der Neuen Schule
Hamburg, die im August ihre Pforten
für 65 Kinder von der ersten bis zur
zehnten Klasse öffnet, will man diesen
Trend nicht länger unterstützen. "Wir
nehmen an unserer Schule kein Kind
auf, das Ritalin bekommt. Aber wir sind
bereit, das Kind ohne Ritalin aufzunehmen", erklärt Popstar und Schulgründerin Nena Kerner bestimmt. Hyperaktive
Kinder liegen der vierfachen Mutter besonders am Herzen. "Ich finde diese
Kinder nicht krank - im Gegenteil, sie
haben einen Zugang zu den Dingen, den
andere nicht haben. In dieser Gesellschaft werden sie aber mit Drogen ruhig
gestellt."
Ihre Neue Schule in einer Gründerzeitvilla mit parkähnlichem Garten bietet
bewegungshungrigen Kindern reichlich
Platz. Die Schule orientiert sich am Modell der "Sudbury Valley School", die
vor fast 40 Jahren im US-Bundesstaat
Massachusetts erfunden wurde. Ohne
Noten, ohne feste Unterrichtszeiten und
ohne vorgeschriebenen Lehrplan. Dafür
mit viel Freiheit, Demokratie, Spiel und
Gespräch. Die Lehrer sollen vor allem
Lebenspraxis vermitteln. Die Schüler,
die hier den Realschulabschluss erwerben können, werden vor allem lernen,
wie man sich Lernstoff aneignet. Routinewissen für alle wird es nicht geben,
stattdessen Lernstrategien, Zeitmanagement und die Fähigkeit, sich in neuen
Situationen zu bewähren.
Nenas Schule hat von der Hamburger
Behörde als erste Sudbury Schule auf
deutschem Boden grünes Licht erhalten.
Das ist eine kleine Sensation, denn es
gibt Sudbury-Initiativen auch in Leipzig, München, Düsseldorf, Dresden und
Berlin. Deren Anträge wurden bei den
Behörden aber bislang abgeschmettert.
Im
vergangenen
Sommer
hat
"Schraubenprinzessin" Bettina Würth in
Künzelsau die Freie Schule Anne-Sophie mit reformpädagogischem Ansatz
aus der Taufe gehoben. Auch hier wird
Wert auf ganzheitliche Förderung gelegt: weg von klassischem Unterricht
und reiner Wissensvermittlung hin zu
individueller Lernarbeit. "Wir wollen
versuchen, es auf neuen Wegen besser
zu machen", sagt die vierfache Mutter.
Ihre eigenen Schulerfahrungen - Würth
verließ die Schule genau wie Nena vorzeitig - dürften dabei eine Rolle gespielt
haben. Die Freie Schule verzichtet auf
Jahrgangsschulklassen und die üblichen
45-Minuten-Blöcke.
"Kontinuität ist uns wichtiger als das
Abarbeiten von Stundenplänen. Jedes
Kind soll die Schule als Gewinner verlassen", wünscht sich die 45-Jährige, die
im vorigen Jahr den Vorsitz im Firmenbeirat des väterlichen Schraubenimperiums übernommen hat. "Die soziale,
handwerkliche, musische und körperliche Entwicklung haben bei uns einen
ebenso hohen Stellenwert wie die klas-
sischen Kopffächer." Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur soll an der
Freien Schule alles möglich sein, bislang gibt es aber nur zwei Lerngruppen
à 24 Kinder von der ersten bis dritten
Jahrgangsstufe. Im September eröffnet
eine dritte Gruppe mit 24 Plätzen, für
die es 100 Bewerbungen gab.
Aber nicht nur ausgefallene Konzepte
sprechen aus Elternsicht für eine Privatschule. Oft haben Eltern und Schüler erste Erfahrungen mit staatlichen Schulen
gesammelt. Am Ende der Grundschulzeit liegt für viele dann der Gedanke nahe, sich mit einer Privatschule anzufreunden. Karina Schultz erzählt, dass
ihr Sohn Johannes zunächst das staatliche Alte Gymnasium in Bremen besuchte. Quasi von heute auf morgen
hieß es dann, so die Mutter: Ab sofort
Ganztagsunterricht. Weil die Familie
den Ganztagszwang nicht mitmachen
wollte, wechselte Johannes in der siebten Klasse zum privaten Ökumenischen
Gymnasium. Bruder Alexander ist dann
an derselben Schule angemeldet worden. Neulich erhielt die Mutter einen
Anruf vom Mathelehrer, weil Alexander
die Hausaufgaben nicht gemacht hatte.
"Ich finde gut, dass der Lehrer anruft.
Das zeigt doch, dass er sich kümmert
und dass konsequent gehandelt wird.
Das ist eben typisch für die Privatschule", sagt Karina Schultz.
Martina Beck aus Frankfurt brachte ihre
Tochter Flora nach der Grundschule in
einem privaten Mädchenschule unter.
"In einer koedukativen Schule wäre sie
untergegangen", sagt sie. Jetzt blüht das
Mädchen auf - und ist besonders in Mathematik
und
Naturwissenschaften
stark. |
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