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EUDEC 2008

Handelsblatt, 01. Juni 2007

Mehr Freiheit im Unterricht wagen

An vielen Privatschulen werden alternative Konzepte verwirklicht - Frontalunterricht und 45-Minuten-Stunden sind passé


Birgitta vom Lehn

Privatschulen leisten sich oft Konzepte, die an staatlichen Schulen nicht verwirklicht werden können. Gerade dieses Ausscheren aus der Norm macht sie für viele Eltern und Kinder so attraktiv. Als "Zappelphilipp" beispielsweise hat man es in der Schule schwer. Laut der Kinder- und Jugend- Gesundheitsstudie des Berliner Robert- Koch-Instituts vom Mai gilt inzwischen jeder fünfte Junge und jedes zehnte Mädchen als verhaltensauffällig.

Langes Stillsitzen und Konzentrieren auf den Unterricht ist für hyperaktive Kinder nahezu unmöglich. Ärzte und Eltern neigen - dem amerikanischen Trend folgend - auch in Deutschland dazu, diese Kinder mit Psychopharmaka ruhigzustellen. So stieg innerhalb von drei Jahren der Umsatz mit Ritalin, dem gängigen Medikament für die Behand- lung des "Zappelphilipp-Syndroms", um 270 Prozent. An der Neuen Schule Hamburg, die im August ihre Pforten für 65 Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse öffnet, will man diesen Trend nicht länger unterstützen. "Wir nehmen an unserer Schule kein Kind auf, das Ritalin bekommt. Aber wir sind bereit, das Kind ohne Ritalin aufzunehmen", erklärt Popstar und Schulgründerin Nena Kerner bestimmt. Hyperaktive Kinder liegen der vierfachen Mutter besonders am Herzen. "Ich finde diese Kinder nicht krank - im Gegenteil, sie haben einen Zugang zu den Dingen, den andere nicht haben. In dieser Gesellschaft werden sie aber mit Drogen ruhig gestellt."

Ihre Neue Schule in einer Gründerzeitvilla mit parkähnlichem Garten bietet bewegungshungrigen Kindern reichlich Platz. Die Schule orientiert sich am Modell der "Sudbury Valley School", die vor fast 40 Jahren im US-Bundesstaat Massachusetts erfunden wurde. Ohne Noten, ohne feste Unterrichtszeiten und ohne vorgeschriebenen Lehrplan. Dafür mit viel Freiheit, Demokratie, Spiel und Gespräch. Die Lehrer sollen vor allem Lebenspraxis vermitteln. Die Schüler, die hier den Realschulabschluss erwerben können, werden vor allem lernen, wie man sich Lernstoff aneignet. Routinewissen für alle wird es nicht geben, stattdessen Lernstrategien, Zeitmanagement und die Fähigkeit, sich in neuen Situationen zu bewähren.

Nenas Schule hat von der Hamburger Behörde als erste Sudbury Schule auf deutschem Boden grünes Licht erhalten. Das ist eine kleine Sensation, denn es gibt Sudbury-Initiativen auch in Leipzig, München, Düsseldorf, Dresden und Berlin. Deren Anträge wurden bei den Behörden aber bislang abgeschmettert.

Im vergangenen Sommer hat "Schraubenprinzessin" Bettina Würth in Künzelsau die Freie Schule Anne-Sophie mit reformpädagogischem Ansatz aus der Taufe gehoben. Auch hier wird Wert auf ganzheitliche Förderung gelegt: weg von klassischem Unterricht und reiner Wissensvermittlung hin zu individueller Lernarbeit. "Wir wollen versuchen, es auf neuen Wegen besser zu machen", sagt die vierfache Mutter. Ihre eigenen Schulerfahrungen - Würth verließ die Schule genau wie Nena vorzeitig - dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Die Freie Schule verzichtet auf Jahrgangsschulklassen und die üblichen 45-Minuten-Blöcke.

"Kontinuität ist uns wichtiger als das Abarbeiten von Stundenplänen. Jedes Kind soll die Schule als Gewinner verlassen", wünscht sich die 45-Jährige, die im vorigen Jahr den Vorsitz im Firmenbeirat des väterlichen Schraubenimperiums übernommen hat. "Die soziale, handwerkliche, musische und körperliche Entwicklung haben bei uns einen ebenso hohen Stellenwert wie die klas- sischen Kopffächer." Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur soll an der Freien Schule alles möglich sein, bislang gibt es aber nur zwei Lerngruppen à 24 Kinder von der ersten bis dritten Jahrgangsstufe. Im September eröffnet eine dritte Gruppe mit 24 Plätzen, für die es 100 Bewerbungen gab.

Aber nicht nur ausgefallene Konzepte sprechen aus Elternsicht für eine Privatschule. Oft haben Eltern und Schüler erste Erfahrungen mit staatlichen Schulen gesammelt. Am Ende der Grundschulzeit liegt für viele dann der Gedanke nahe, sich mit einer Privatschule anzufreunden. Karina Schultz erzählt, dass ihr Sohn Johannes zunächst das staatliche Alte Gymnasium in Bremen besuchte. Quasi von heute auf morgen hieß es dann, so die Mutter: Ab sofort Ganztagsunterricht. Weil die Familie den Ganztagszwang nicht mitmachen wollte, wechselte Johannes in der siebten Klasse zum privaten Ökumenischen Gymnasium. Bruder Alexander ist dann an derselben Schule angemeldet worden. Neulich erhielt die Mutter einen Anruf vom Mathelehrer, weil Alexander die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. "Ich finde gut, dass der Lehrer anruft. Das zeigt doch, dass er sich kümmert und dass konsequent gehandelt wird. Das ist eben typisch für die Privatschule", sagt Karina Schultz.

Martina Beck aus Frankfurt brachte ihre Tochter Flora nach der Grundschule in einem privaten Mädchenschule unter. "In einer koedukativen Schule wäre sie untergegangen", sagt sie. Jetzt blüht das Mädchen auf - und ist besonders in Mathematik und Naturwissenschaften stark.

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Ronny Lier
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