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EUDEC 2008

Die Welt, 11. Mai 2007

Nena eröffnet eine Schule ganz ohne Noten

Im Sommer eröffnet Nena die „Neue Schule Hamburg". Es handelt sich dabei um die erste deutsche Schule nach dem amerikanischen Vorbild Sudbury Valley. Ohne Klingelton, ohne Noten - und Unterricht nur nach Bedarf.

Im August, mit Beginn des neuen Schuljahrs, eröffnet Popstar Nena Kerner (47) ihre eigene Schule in einer Gründerzeit-Villa im Hamburger Stadtteil Rahlstedt: die „Neue Schule Hamburg“. Neben zwei weiteren Eltern zählt zum Gründungskomitee Philipp Palm, Nenas zwölf Jahre jüngerer Lebensgefährte, Musikproduzent und Vater ihrer beiden jüngsten Söhne Samuel, 12, und Simeon, 10. Philipp übernimmt auch die Schulleitung. 65 Kinder sind bereits fest angemeldet, 40 stehen auf der Warteliste. Aus ganz Deutschland seien Anfragen gekommen, berichtet Nena. Die altersgemischte Lernstätte (monatliches Schulgeld 150 Euro) orientiert sich an der ersten, vor fast 40 Jahren im US-Bundesstaat Massachusetts gegründeten „Sudbury Valley School“ und ist nun die erste Sudbury-Schule auf deutschem Boden, die von Behördenseite grünes Licht erhielt. Weltweit existieren etwa 40 solcher Schulen. Auch in Leipzig, München, Düsseldorf, Dresden und Berlin gibt es Sudbury-Initiativen, deren Anträge bislang aber alle bei den Behörden erfolglos blieben. Sudbury-Schulen kommen ohne Noten, ohne feste Unterrichtszeiten und ohne vorgeschriebenen Lehrplan aus. Freiheit, Demokratie, Spiel und Gespräch werden dafür groß geschrieben. Die Schulgemeinschaft entscheidet einmal im Jahr, ob die Lehrer bleiben oder gehen sollen. Mit der Schulgründerin und vierfachen Mutter Nena sprach Birgitta vom Lehn.

WELT ONLINE: Nena, warum haben Sie sich ausgerechnet für das Sudbury-Modell entschieden?

Nena: Das ist uns so zugeflogen. Nach einer Talkshow, in der ich ein bisschen ausführlicher über unsere Schulpläne berichtet hatte, hat sich jemand von der Sudbury-Initiative Berlin gemeldet. Er hat uns Bücher geschickt. Ich kannte damals Sudbury noch gar nicht. Ich hab mir die Bücher damals mit in den Skiurlaub genommen. Erst lagen sie ein paar Tage unbeachtet herum, und irgendwann habe ich abends darin zu lesen begonnen - und konnte nicht mehr aufhören. Ich dachte: Was ist das denn? Das ist ja genau das, was wir vorhaben. Und das gibt es schon? Wir haben uns sofort vernetzt, und so kam es, dass die Sudbury-Schule in unser Leben kam.

WELT ONLINE: Haben Sie sich das Original in den USA schon mal angeschaut?

Nena: Noch nicht. Aber wir fahren auf jeden Fall nach Massachusetts und sind bereits in persönlichem Kontakt mit den dortigen Gründern. Einer der ehemaligen Schüler war kürzlich bei uns zuhause, als er in Kiel am Geomar-Institut wissenschaftlich arbeitete. Wir haben ihm natürlich 1000 Fragen gestellt.

WELT ONLINE: Wie erklären Sie sich , dass Sie in Hamburg mit Sudbury auf offene Ohren bei den Behörden stoßen? In anderen Städten wurden entsprechende Initiativen ja bislang nur abgeschmettert.

Nena: Für uns war von Anfang an klar: Wir wollen zu keiner Zeit auf Konfrontation mit der Schulbehörde gehen. Wir dachten: Wenn wir so überzeugt sind von der Idee, dann wird es einen Weg geben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir wollten es den Leuten so rüberbringen, dass sie sich angesprochen fühlen. Es ist ja keine Philosophie, kein Konzept, das völlig abwegig ist. Das war sicherlich ausschlaggebend.

WELT ONLINE: Hat der Promifaktor da nicht auch eine Rolle gespielt?

Nena: Ob das mit meiner Person auch ein bisschen geholfen hat, weiß ich nicht. Ich war nicht ein einziges Mal bei der Schulbehörde, habe mich aus diesem Prozess bewusst herausgehalten. Das haben die drei anderen Schulgründer allein gemacht. Ich habe sie natürlich mental unterstützt und meinen Teil dazu beigetragen. Die Erfahrung, die die drei gemacht haben, war aber durchweg positiv. Die Leute waren von Anfang an sehr offen. Vielleicht haben wir in Hamburg gerade einen guten Zeitpunkt erwischt, wo Bewegung herrschte und Offenheit für reformpädagogische Wege war.

WELT ONLINE: Wie lange hat der Behördenprozess denn insgesamt gedauert?

Nena: Zwei Jahre. Vor eineinhalb Jahren haben wir den Antrag gestellt. Was wohl auch eine Rolle gespielt hat: Wir haben uns immer darauf gerichtet, was wir wollen und nicht auf das, was wir kritikwürdig finden.

WELT ONLINE: Ist Ihnen nie der Vorwurf einer „Spiel-Schule“ zu Ohren gekommen?

Nena: Nein, das habe ich persönlich nie gehört. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Leute so denken. Viele Menschen wissen nicht, dass Spielen Lernen ist, dass Kinder durchs Spielen lernen. Die Fragen der Leute wirken im ersten Moment meist sehr kritisch, aber man merkt dann schnell, dass sie nur nicht genug informiert sind. Was ich in dieser Gesellschaft so krass finde, ist, dass die meisten Eltern es einfach so hinnehmen, dass ihre Kinder nicht gerne zur Schule gehen. Die sagen zu dem Kind nur: Da musst du durch, das macht dich stark.

WELT ONLINE: Was sind das für Kinder, die sich für Ihre Schule angemeldet haben?

Nena: Damals, als wir uns vor acht Jahren mit der Schule zu befassen begannen, waren es vor allem die hyperaktiven Kinder, die immer auch eine Rolle in meinem Leben gespielt haben. Ich finde diese Kinder nicht krank, im Gegenteil, die haben einen Zugang zu Dingen, den andere nicht haben. In dieser Gesellschaft werden sie aber mit Drogen ruhig gestellt. Wir nehmen an unserer Schule kein Kind auf, das Ritalin bekommt. Das lehnen wir total ab. Aber wir sind bereit, das Kind ohne Ritalin aufzunehmen.

WELT ONLINE: Sind es also vor allem hyperaktive Kinder?

Nena: Es sind ein paar dabei, ja, aber ich bin das auch (lacht laut auf). Da ist zum Beispiel ein Kind, das ich seit sechs Jahren gut kenne und das in der Schule als schwer erziehbar gilt. Die Mutter wurde immer wieder unter Druck gesetzt, dem Kind Ritalin zu geben. Sie hat sich widersetzt. Immer wenn der Junge zu uns kam und auch noch kommt, dann können wir gar nicht verstehen, warum er so schwierig sein soll. Er ist sehr lebendig und aktiv, aber das sind wir alle in unserer Familie. Insofern fällt er da gar nicht auf. Es funktioniert einfach nicht, wenn er in der Schule still sitzen soll, das ist klar. Und so wurde er zum Problemfall. Die Probleme sieht man aber immer nur bei den Kindern, nie bei den Lehrern, Eltern oder Erziehern. Das ist einfach so. Gerade diesen hyperaktiven Kindern muss man ganz viel Raum geben. Die müssen raus, die müssen sich körperlich bewegen. Die müssen selber bestimmen, wann sie sitzen oder aufstehen wollen. Stell dir vor, du bist ein Mensch, der nicht gern still sitzt, und jetzt zwingt dich jemand, still zu sitzen. Wozu soll dieser Irrsinn gut sein? Man will diese kleinen Menschen dann auch noch brechen.

WELT ONLINE: Sind es mehr Jungen oder Mädchen, die hyperaktiv sind?

Nena: An unserer Schule sind drei Jungs, die hyperaktiv sind.

WELT ONLINE: Und was sind das sonst noch für Kinder? Sind es zum Beispiel hochbegabte Kinder, die Probleme mit der "normalen“ Schule haben?

Nena: Die so genannten Hochbegabten landen ja in unserem Schulsystem oft auf Sonderschulen. Das ist auch kein Geheimnis mehr. Uns ist das hier egal, ob jemand hochbegabt ist oder nicht. Diese Kategorien gibt es für uns gar nicht. Ein Lehrer meiner Kinder hat neulich mal auf einem Elternabend gesagt: „Und sogar die Kinder, die sonst nicht so glänzen, haben diesmal auch schön mitgemacht.“ Da frag ich mich doch, was das sein soll? Für mich glänzt und strahlt jedes Kind! Aber wenn man es ständig kontrolliert und manipuliert und ihm seinen Willen aufzwingt, dann wird es irgendwann aufhören zu leuchten. Ich war sehr erschüttert. Aber das ist eine gängige Meinung, und da wurde auch von den Eltern, die da alle schön brav im Kreis saßen, nicht ein einziges Mal auch nur mit der Wimper gezuckt. Das erlebe ich oft auf Elternabenden, dass Eltern Angst haben, einfach mal zu sagen: „Ist Dir Lehrer eigentlich bewusst, was du da gerade sagst? Meinst Du vielleicht mein Kind? Mein Kind glänzt nicht? Was soll das denn heißen?“ WELT ONLINE: Und was sind das für Lehrer, die an Ihre Schule kommen? Nena: Das sind Lehrer, die große Lust haben, Raum für Neues zu schaffen. Sie sind ja auch Menschen mit Potenzial, das sie ausleben wollen. Sie wollen kreativ sein. Aber sie können das nicht, weil sie ihren Lehrplan verfolgen müssen.

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