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Welt am Sonntag, 09. April 2007 Nena gründet eine SchuleHamburg gibt grünes Licht für Deutschlands erste Schule nach dem amerikanischen Vorbild Sudbury Valley. Dort lautet das Unterrichtskonzept: "Spielen an sich bildet". Und das gefällt der Popsängerin"Andere kaufen sich eine Jacht, wir kaufen uns eine Schule. Eins will ich aber klarstellen: Dies ist nicht Nenas Schule, es ist die Schule der Kinder", versucht Nena die Journalisten einzuschwören, die sich an diesem kalten Aprilmorgen in den klammen Räumen einer renovierungsbedürftigen Gründerzeitvilla in Hamburg-Rahlstedt eingefunden haben. Die Journalisten stehen dick in Winterzeug eingepackt da. Dann kommt Nena hereingeweht, in sommerlichem Kleid, blendend gelaunt.
Es wird sich kaum verhindern lassen, von "Nenas neuer Schule" zu sprechen, auch wenn das Gründungskomitee - zu dem außer Nena Kerner noch ihr Mann, der Musikproduzent Philipp Palm, und die Eltern Silke Steinfadt und Thomas Simmerl gehören - es gern vermeiden würde. Immerhin dürfte der Promifaktor die entscheidende Rolle dafür gespielt haben, dass Hamburgs Schulbehörde Deutschlands erster Schule nach dem Vorbild der amerikanischen Sudbury Valley School grünes Licht gab. Auch in anderen deutschen Städten gibt es Gründungsinitiativen, deren Anträge wurden bisher aber von den Behörden abgeschmettert.
Was ist das Neue an der Schule? "Ich sitze hier als vierfache Mutter und habe das Bedürfnis, Kinder in eine Schule zu schicken, wo sie sich frei entfalten können. Kinder freuen sich auf die Schule, und dann kommt meist schnell die Enttäuschung", sagt die Sängerin, deren eigene Kinder noch eine Waldorfschule besuchen. Vor acht Jahren las sie von Sudbury Valley, seitdem ließ sie das Thema nicht mehr los: "Da gibt es ja schon genau die Schule, die wir suchen."
1968 eröffnete im US-Bundesstaat Massachusetts die Sudbury Valley School. Deren heute 73-jähriger Gründer Daniel Greenberg war Physik-Professor. Er war überzeugt, "dass Spielen an sich bildend ist" und dass man dem Spiel einen neuen Stellenwert in der Schule einräumen müsse. Wer dagegen das freie Spielen verlernt habe, sei "furchtbar behindert". Vielen Kindern werde aber das Spielen abtrainiert, schreibt er in seinem Buch "Ein klarer Blick" (Tologo-Verlag, Leipzig, 2006). Ebenso wie das Sprechen in traditionellen Schulen "verboten" sei. Dass Kinder den ganzen Tag den Mund aufmachen, ist das Letzte, was man dort will."
Nenas Ehemann Philipp, der ab August die Schulleitung übernimmt, erklärt, warum Kinder selbst lernen wollen: "Sie lernen laufen und sprechen durch Vorbilder. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben, Lesen und Rechnen. Jeder lernt es, aber jeder zu seiner Zeit." Nena zitiert den Gehirnforscher Manfred Spitzer: "Der Mensch lernt sowieso. Unser Gehirn kann gar nicht anders. Ich habe mich auf Elternabenden immer gewundert, wie wenig Vertrauen Eltern ihren Kindern da schenken."
Die neu gegründete anerkannte Privatschule bereitet auf den Realschulabschluss vor. Einmal im Jahr müssen die Schüler an Vergleichsarbeiten teilnehmen. Nena spart nicht mit Lob an die Beamten der Stadt: "Die Genehmigung ist für uns ein Wunder. Es ist eine sehr mutige Entscheidung." Dies könne ein Signal auch für die anderen Sudbury-Projekte im Land sein.
Zum Beispiel in Berlin-Brandenburg. Dort ist der Politikwissenschaftsstudent Martin Wilke, 29, Gründungsmitglied einer Sudbury-Initiative. "Schon während meiner Schulzeit fand ich es interessant: Kinder werden hier als Personen ernst genommen, sie können sich frei entwickeln." Wilke verweist darauf, dass 80 Prozent der US-Sudbury-Schüler, die mindestens drei Jahre lang diese Schule besucht haben, später studieren. "Das ist höher als der Durchschnitt." Vor zwei Jahren hatte seine Initiative einen Antrag auf staatliche Genehmigung eingereicht - bislang erfolglos.
Claudia Rehn, 40, alleinerziehende Mutter eines sechsjährigen Sohnes, engagiert sich seit zwei Jahren für die Düsseldorfer Sudbury-Initiative. "Ein Zeitschriftenartikel hat mich vor drei Jahren sehr berührt. Den Großen geistern ja nur noch die Schlagworte Leistung und Karriere im Kopf herum. Wir wollen Kindern wieder eine Chance geben, ihre Wachheit zu erhalten." In Dresden macht sich das Ehepaar Deisenroth für Sudbury stark. Ina, 29, ist Maschinenbau-Ingenieurin, widmet sich aber zurzeit ihren zwei Kindern. "Man hält hier ziemlich die Hand drauf seitens der Behörde, wir haben selbst die Gemeinnützigkeit nicht anerkannt bekommen", berichtet sie. Jetzt hofft sie auf "einen Neuanfang, auf den man bauen kann".
Ähnlich liegt der Fall bei der Leipziger Sudbury-Initiative. "Wir wollen die Sache noch einmal angehen. Man hat uns bei der Behörde mit der Begründung abgelehnt, dass das keine Schule sei, noch nicht mal eine Ergänzungsschule", sagt der Informatiker und Verleger Sören Kirschner. Zusammen mit 20 weiteren Eltern will er für seine eigenen drei Kinder diese Schule verwirklichen: "Ich finde das Konzept einfach sehr logisch."
Weitere Informationen:
www.neue-schule-hamburg.org |
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