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EUDEC 2008

Neues Deutschland, 28. Juli 2006

»Die Schule sind wir!«

In Sudbury-Schulen müssen Kinder nicht lernen, sie dürfen es

Von Robert Meyer

Die staatlichen Regelschulen sind in Verruf geraten: Schlechte Ausstattung, schlechte Bildungsleistungen und Gewaltexzesse lassen bildungsbewusste Eltern nach Alternativen suchen. Neben den bekannten freien Schulen wie den Waldorf- und Montessori-Schulen gibt es mittlerweile eine Vielzahl von »Exoten«. Dazu zählen auch die Sudbury-Schulen, die sich nach einer Ende der 60er Jahre in den USA gegründeten Einrichtung nennen. Ende August soll die erste Schule dieses Typs in Deutschland eröffnet werden.

»Flower-Power-Schulen« nennen sie inzwischen viele. Eine treffende Bezeichnung, denn die 1968 in Massachusetts gegründete Sudbury Valley School lässt sich durchaus als ein Kind der Hippie-Bewegung verstehen. Man war auf der Suche nach freieren und menschlicheren Lebensformen. Die Sudbury-Modellschule in Amerika ist anerkannt und darf High-School-Abschlüsse vergeben. Das Sudbury-Modell wiederum fußt auf dem Konzept der 1921 in England gegründeten Summerhill-Schule, die als älteste demokratische Schule der Welt gilt. Ihr Gründer A. S. Neill folgte dem Prinzip »freie Erziehung und nicht frei von Erziehung«. Neill verstand sich als Reformpädagoge und wandte sich gegen die Methoden der harten »Paukerschulen.«

Basisdemokratisch und selbstverwaltet

Was den Unterschied zwischen freien und typischen Schulen ausmachen kann, hat Annemarie erfahren. Seit ihr Sohn auf eine Freie Schule im Berliner Bezirk Pankow geht, wächst sein Selbstbewusstsein. »Endlich traut er sich wieder was zu«, sagt die junge Mutter begeistert. Der Junge kommt jetzt nicht mehr verstört und verängstigt aus der Schule, ist neugierig geworden, will wissen. »Die Gemeinschaft funktioniert besser, die Schüler sind dort einfach freundlicher zueinander.« Etwa ein halbes Jahr habe ihr Sohn gebraucht, um sich in der neuen Schule einzugewöhnen. Freie Schulen sind zwar nicht ganz so basisdemokratisch organisiert wie viele Sudbury-Schulen, ähneln sich aber im Kern. Schulen, die den so genannten harten demokratischen Kriterien genügen, gibt es besonders in Israel und den USA. Weltweit soll es inzwischen mindestens 70 dieser Art geben. In Sudbury-Schulen wird Unterricht nur auf Initiative der Schüler gehalten. Entscheidungen werden mit einfacher Mehrheit getroffen oder nach dem Konsensprinzip. Den Kindern das Lernen selbst in die Hand zu geben, ist eine alte Forderung der Reformpädagogik. Umstritten ist allerdings, inwieweit es sinnvoll ist, den Schülern gänzlich zu überlassen, ob, was und wie sie lernen wollen. Ganz basisdemokratisch geht es zum Beispiel auf einer Sudbury-Schule im israelischen Hadera zu: Die Schüler gehen zum Unterricht, wenn sie Lust haben. Sie entscheiden, ob sie den ganzen Tag lieber spielen oder doch in eines der Lernzentren gehen wollen, um sich dort mit Kunst, Sprachen oder Mathematik zu beschäftigen. Die These dazu: Kinder wissen, was sie brauchen Jeder Schüler hat einen Tutor aus dem Lehrerkreis. Wie der Unterricht abläuft, legen die Lehrer fest. Der Unterricht geht aber vom Niveau der Kinder aus. So kann es vorkommen, dass alle dasselbe lernen, die Schüler aber vom Alter her bis zu fünf Jahre auseinander sind. Das Ganze getreu dem Motto: »Die Schule sind wir!« Das Sudbury-Modell begeistert auch Eltern in Deutschland. Mehr und mehr Initiativen zur Gründung einer Sudbury-Schule entstehen derzeit, und zwar in München, Hamburg, Lüneburg, Düsseldorf, Leipzig, Brandenburg und Berlin. Am 31. August soll in Leipzig-Halle eine Sudbury-Schule eröffnet werden. 35 Schüler im Alter von 3 bis 17 Jahren sollen dort nach den Grundsätzen der Sudbury Valley School in Massachusetts lernen. Betreut werden sie von acht erwachsenen Mitarbeitern, fünf davon sind pädagogisch ausgebildet. Die Schüler sollen selbst bestimmen, welche Themen, Materialien und Personen für ihr Lernen und Leben wichtig sind.

Geometrie zwischen Wolkenkratzern

In Deutschland tut man sich trotz fataler PISA-Ergebnisse noch schwer mit grundlegenden Schulreformen. Dabei spricht vieles für die oft geschmähten deutschen Reformschulen, die ähnlich den demokratischen Schulen auf herkömmliches Pauken und harten Leistungsdruck verzichten. Sowohl die Laborschule in Bielefeld als auch die Helene-Lange-Gesamtschule in Wiesbaden etwa erzielten gute PISA-Ergebnisse. Kein Wunder, denn sie greifen auf Grundsätze wissenschaftlich gesicherter Lerntheorien zurück. Lernen braucht Motivation. Um zu lernen, brauchen Schüler aber auch Anregungen. Besonders Lernbiologen warnen vor einer Übersystematisierung von Schulstoffen und betonen die Notwendigkeit bildhafter Darstellungen. In New York zum Beispiel hat ein Lehrer seinen Schülern während »Spaziergängen« durch Wolkenkratzerviertel Grundsätze der Geometrie vermittelt. Denn ein Axiom der Lernbiologie lautet: »Verständnis ohne Bezugnahme ist nicht möglich.« Lernbiologen fordern zudem einen »Platz in der Schulpädagogik für die Gedächtnisarbeit«. Gelehrt werden sollten so genannte Mnemotechniken, die helfen, die Merkfähigkeit wesentlich zu steigern. Ob Freie- oder Sudbury-Schulen – verallgemeinerbar sind diese Modelle schwer, weil bei der Vermittlung von Wissen viel auch vom Bildungshintergrund und Erziehungsstil der Eltern abhängt. Aber sie sind eine Alternative, von der andere Schulformen lernen können. In einem Punkt wollen sie sich aber grundsätzlich vom üblichen Schultypus unterscheiden: Sie versuchen nicht Wettbewerb und Leistungsdruck ins Zentrum zu stellen. Kinder, denen in der Schule das Gefühl vermittelt wird, ihr Wert ist nicht abhängig von dem, was sie glauben und können, verhalten sich im Leben gegenüber anderen Menschen grundsätzlich respektvoller und bilden leichter und schneller soziale Gemeinschaften.

Ansprechpartner

Ronny Lier
ronny.lier@sudbury-hl.de

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