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EUDEC 2008

Berliner Zeitung, 16. Juni 2006

Ohne Zwang und Zensuren

Schulen, an denen Kinder machen können, was sie wollen - ein Ausweg aus der Bildungsmisere?

Torsten Harmsen

Hässlich scheppert die Klingel. Kindergrüppchen flitzen von Raum zu Raum. Türen knallen. Überforderte Lehrer-Pappgestalten brabbeln, fuchteln, verwandeln sich in Dompteure oder Hampelmänner. Die Klasse hängt in den Bänken, gähnt oder spielt mit dem Handy. So sehen Filmanimateure den Alltag an traditionellen Schulen. Doch wie soll eine Schule sonst aussehen? Gibt es wirkliche Alternativen zum herkömmlichen System?

Fragt man Schüler, was für sie das Schul-Paradies wäre, dann kann man hören: Jeder soll das lernen können, wozu er gerade Lust hat. Unterricht soll keine Pflicht sein. Auch Zensuren und Prüfungszwang darf es nicht mehr geben. Erwachsene und Kinder müssen die gleichen Rechte haben. So könnte Pippi Langstrumpfs Traumschule aussehen, denkt man. Dabei gibt es solche Schulen längst, weltweit etwa siebzig - von Dänemark bis Brasilien. Die meisten stehen in Israel und in den Vereinigten Staaten. Ihr Vorbild ist die 1968 gegründete Sudbury School in Massachusetts.

Auch in Deutschland finden sich mehr und mehr Initiativen zur Gründung solcher Schulen - in München, Hamburg, Lüneburg, Düsseldorf, Leipzig, Brandenburg und Berlin. Hier kämpft eine Gruppe, die unter anderem am Mittwoch im Kino Babylon zwei Filme zeigte: "Demokratische Schulen" (vom Bundesbildungsministerium gefördert, noch unter der Ägide Edelgard Bulmahns) sowie "Pretty Cool System".

Der letzte ist ganz neu und dokumentiert die Reise der Berliner ins Gelobte Land. Sie sind 13 bis 17 Jahre alt und gehören zur Kinderrechtsgruppe "Krätzä", die im Jahre 2005 sogar ein alternatives Schul-Welttreffen nach Berlin geholt hat. Die Gruppe reiste nun ins israelische Hadera, zu einer der größten "demokratischen Schulen" der Welt. Man sieht staubige Straßen, einen Schuleingang mit Wachmann, Bungalows, zwischen denen Kinder toben und sich balgen. Man sieht Schüler (es scheinen fast nur Mädchen zu sein), die backen, Instrumente bauen, auf Bänken oder am Runden Tisch einander von Zetteln vorlesen, mit Lehrern debattieren und im Schulparlament die Arme heben. Alles wirkt sonnig und entspannt.

Aber man will doch wissen: Funktionieren solche Schulen wirklich und sind sie ein Modell für die deutsche Schulreform? Einiges ist durchaus bedenkenswert. Etwa die Auffassung vom Lehren und Lernen. "Im Mittelpunkt steht das Vertrauen der Schule in jeden Schüler, die Fähigkeit zu haben, sich selbst zu bilden", sagt ein Lehrer. Der deutsche Managementberater Gerhard Huhn geht davon aus, dass Kinder ganz natürlich lernen, bevor sie in der "normalen" Schule Vorgaben erfüllen, auswendig lernen müssen. Damit erreiche man jedoch lediglich das Kurzzeitgedächtnis, so Huhn. "Nur was der Mensch selbst für sinnvoll hält, wird er behalten".

Nun ist es für Erziehungswissenschaftler nichts Neues, dass Lernen Motivation verlangt. Seit Pisa entwickeln Schulen immer neue Methoden: das Lernen in Gruppen, durch Anschauen, Anfassen, Erleben, Probieren, durch freies Reden, wobei der Lehrer behutsam lenkt. Aber hier?

In Hadera gehen die Schüler zum Unterricht, wenn sie Lust haben. Sie entscheiden selbst, womit sie ihre Zeit verbringen: ob sie den ganzen Tag spielen, mit anderen reden oder vielleicht doch zu einem der "Lernzentren" hinüberwandeln, um sich mit Englisch, Mathe, Kunst, Musik zu beschäftigen. In den ersten zwei Monaten eines Jahres suchen sich die Kinder aus einem Stundenplan aus, was sie gerne machen würden. "Kinder wissen, was sie brauchen. Das ist beeindruckend", sagt ein Lehrer. Jeder Schüler hat einen Tutor aus dem Lehrerkreis, mit dem er sich mindestens einmal in der Woche trifft. Die Unterrichtsregeln werden von den Lehrern selbst festgelegt. Der Unterricht geht vom Niveau der Kinder aus. So kann es passieren, dass alle dasselbe lernen, die Kinder aber vom Alter her bis zu fünf Jahre auseinander sind.

Vom Niveau der Kinder auszugehen, sie individuell zu fördern, das muss auch von staatlichen Schulen verlangt werden. Dazu sollte es nicht unbedingt privater Schulen nach dem Sudbury-Modell bedürfen. Außerdem ist doch wohl die wichtigste Frage: Was wird mit dem Abschluss, wenn es keine Zensuren und keine obligatorischen Prüfungen gibt? Hat man am Ende lauter glückliche freie Menschen, aber ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt?

Die Sudbury-Modellschule in Amerika ist anerkannt und darf High-School-Abschlüsse vergeben. Viele ihrer Absolventen gehen aufs College. Sie setzt darauf, dass die Schüler auf freie, selbst gewählte Weise das Wichtigste lernen, etwa die Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, die sie wirklich brauchen. Dass sie wissen, was Allergien sind, woher sie kommen, wie Versicherungen oder Gerichte funktionieren und vieles mehr. Auch bei Menschen, die "normale" Schulen besuchen, bleibt ja nur das hängen, was sie wirklich interessiert - dieses Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. In Deutschland allerdings scheitern bisherige Schulversuche an der Schulpflicht, die ja nicht gegeben ist, wenn Schüler lernen können, wann und wie sie wollen. Bundesweit gibt es zwar mehr als vierzig Freie Schulen, aber dauerhafte Freiheit nach dem Sudbury-Modell gibt es noch nirgends. Auch den Berliner "Krätzä"-Aktivisten hat der Senat jüngst eine Abfuhr erteilt. Hinzu kommt, dass sich die Kultusminister erst jüngst auf nationale Standards für Abschlüsse - etwa das Abitur - geeinigt haben. Deutschland setzt also auf abfragbare Leistungen, weniger auf freies Lernen.

Bleibt noch eine andere, große Besonderheit der "demokratischen Schulen": die Parlamente oder Schulversammlungen, die sich regelmäßig treffen, um über die Regeln, den Haushaltsentwurf, die Aufnahme neuer Lehrer oder Schüler zu entscheiden. Hier hat jeder Schüler und jeder Lehrer eine Stimme. Aber auch das schützt nicht vor Machtspielen oder Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, wie der Film über Hadera zeigt. Vor allem: Die Abstimmungen sind mühsam, weil sich alle mit allen über alles einigen müssen. Die englische Summerhill School hat etwa 200 Regeln - bis dahin, ob man heiße Getränke nur in der Küche trinken darf (wegen Unfallgefahr) oder ob ein Kind mit dem Rad eines anderen fahren darf. Basisdemokratie ist zäh, autokratische Lehrer sind unangenehm. Der Weg liegt vielleicht in der Mitte.

Infos und Filme unter:

www.kraetzae.de

Berliner Zeitung, 16.06.2006

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