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Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2006 Utopie - Die Erben von SummerhillImmer wieder versuchen Idealisten, eine Schule ohne jeden Zwang zu gründen - bisher ohne großen ErfolgSieht so das Paradies aus? Nur zur Schule gehen, wenn man Lust hat. Nur lernen, was man wissen will. Nur solchen Lehrern zuhören, die man mag. Bei jeder Schulregel ein Mitspracherecht haben - das ist an etwa 70 Schulen weltweit Realität. In den USA und Australien, in Dänemark und Österreich gibt es Einrichtungen, in denen die Schüler ganz nach Gusto lernen, aber auch in Ländern, in denen man so viel Freiheit weniger erwartet: in Israel und Indien, in Japan, Südkorea und Russland. Und natürlich in Großbritannien, wo mit der Summerhill-School die der Reformpädagoge Alexander Sutherland Neill 1923 gegründet hat, die älteste freie Schule der Welt steht.
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Bewusst provokativ nennen sich die Schulen, die seit 1993 über ein gemeinsames Netzwerk verfügen (www.idenetwork.org), "demokratische Schulen" - weil nur in ihnen die Kinder und Jugendlichen keine Vorgesetzten haben, sondern frei wählen können, was sie tun. Jeder entscheidet jeden Tag aufs Neue, ob er kommt oder nicht und wie er sich seine Zeit einteilt.
In Deutschland haben solche Einrichtungen wegen der hier geltenden Schulpflicht einen schweren Stand. Anders als in Ländern, wo statt der Schulpflicht nur eine so genannte Unterrichtspflicht besteht, das Privatschulwesen freier organisiert oder sogar "Homeschooling" zulässig ist, müssen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland an einer Schule aufhalten, die entweder staatlich ist oder als staatlich anerkannte Ersatzschule gilt. Und eine Ersatzschule kann nur gründen, wer sich bereit erklärt, die Schulpflicht einzuhalten.
Doch der Druck auf die Schulämter, eine Lernstätte ganz ohne Druck zuzulassen, steigt auch in Deutschland. In sieben Städten haben sich Initiativen der Gründung einer "demokratischen Schule" verschrieben. In München, Berlin, Hamburg, Lüneburg, Osnabrück, Düsseldorf und Leipzig kommen Eltern, Lehrer und andere Interessierte in der Regel wöchentlich zusammen und arbeiten an einem Konzept, das sich meist an dem Modell der US-amerikanischen Sudbury-Schule in Massachusetts orientiert.
Ihre Erfolge sind bisher mäßig. Das "Katzenhäusle" in Überlingen, die erste Schule Deutschlands, die sich der Sudbury-Pädagogik verschrieb, blieb nach den vergangenen Sommerferien geschlossen. Nachdem die Schulbehörde den Eltern, die ihre Kinder dorthin schickten, immer häufiger Bußgeldbescheide geschickt und die Initiatoren immer nachdrücklicher auf die Existenz baden-württembergischer Bildungsstandards hingewiesen hatte, gaben die Betreiber auf.
Erst diskutieren, dann lernen
Dafür ging in Leipzig im vergangenen Sommer eine Sudbury-Initiative an den Start. Ein Freundeskreis von Eltern tat sich dort zusammen und fing nach den Sommerferien einfach damit an, 25 Kinder frei lernen zu lassen. Ein sensibles Unterfangen: Acht Monate, nachdem die Schule mit viel Rummel öffnete, nennt sie sich nun "Lernzentrum", wohl um eine weitere Provokation der sächsischen Behörden zu verhindern. Man sei "in Gesprächen" und hoffe auf eine "einvernehmliche Lösung", sagt Uwe Hartung, einer der Gründer, "mehr will ich im Augenblick gar nicht sagen".
In Berlin würde man zwar gerne in diesem Jahr eine freie Schule gründen, darf aber bisher nicht. Nach mehreren Jahren, in denen sich die 20 Aktiven der Sudbury-Gruppe wöchentlich trafen, war man kürzlich im Schulsenat zu Gast. "Dort hat man klar signalisiert: So nicht!", sagt der Politik-Student Martin Wilke, "aber wir bleiben natürlich dabei."
Morgenluft wittern die Verfechter des freien Lernens immer dann, wenn sie zu irgendetwas einladen und den Zuspruch vor sich sehen. Ende April erschienen mehr als 150 Neugierige - unter ihnen der Nestor der deutschen Reformpädagogik Hartmut von Hentig - zur Premiere eines Dokumentarfilms über "Demokratische Schulen" in Berlin-Mitte. Im vergangenen August debattierten 400 Schüler, Lehrer, Pädagogen und Interessierte aus 28 Ländern in der Humboldt-Uni beim "13. Welttreffen Demokratischer Schulen" - ein grandioser Erfolg für die kleine Initiative "Kinderrächtszänker" (KRÄTZÄ), die sich seit 1992 für Demokratie an Schulen einsetzt und das Treffen in die Hauptstadt geholt hatte.
Prominentester Gast des "Welttreffens" war die Tochter A. S. Neills: Zoe Readhead hat voller Überzeugung das Erbe ihres Vaters angetreten und leitet die Summerhill-Schule, an der etwa 80 Mädchen und Jungen lernen. Den Einwand, dass Lernen vielleicht der falsche Ausdruck für die Beschäftigung der Summerhill-Kinder sei, weil sie das ja nicht müssten, lässt Readhead nicht gelten. "Jedes Kind will lernen", argumentiert sie, "man muss ihm nur die Zeit geben herauszufinden, wo seine Interessen liegen und was das Richtige für es ist." Dass dabei Umwege gegangen werden, streitet sie nicht ab: Es gäbe Schüler, die lange nur Skateboard führen oder im Wald spielten. "Am Ende des Tages aber weiß jeder, dass er in der Welt draußen überleben muss", sagt Readhead. "Und dieses Wissen ist der wichtigste Bestandteil ihrer Motivation."
Das Paradies also? Wer sich mit den Schülern unterhält, stellt fest, dass Demokratie viel Arbeit ist. An den meisten Schulen wird täglich mindestens eine Stunde allein das Regelwerk diskutiert, das die Besucher sich selber geben. Aber vielleicht ist das im Paradies ja auch so.
Text: Jeannette Goddar |
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