Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter und wir informieren Sie über das aktuelle Geschehen.

Schulen weltweit

Unser Shop

Mitglieder Login

Login:
Passwort:
EUDEC 2008

Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel, Ausgabe 20/2005, 04. November 2005

Aus Lust am Lernen

Radikal demokratisch: In Sudbury-Schulen bestimmen die Schüler über den Lehrplan. In Leipzig haben jetzt Eltern und Lehrer eine solche Schule gegründet – ohne Genehmigung

In den Regelschulen wird man nicht als ganzer Mensch angesehen, sondern nur in die Noten eins bis sechs eingeteilt«, ist Maria überzeugt. Die 14-Jährige hat acht Jahre lang eine »normale« Schule besucht – seit September hat sich das geändert. Jetzt geht sie zur Sudbury-Schule Halle-Leipzig, zusammen mit 27 Kindern im Alter von 3 bis 17 Jahren. An dieser Schule gibt es derzeit weder einen Stundenplan noch Lehrer, keinen Fächerkanon und noch nicht einmal regulären Unterricht. »Jeder Tag ist anders«, sagt Maria, »es ist aber nicht so, dass wir nichts tun haben. Ich bin jeden Tag beschäftigt und lerne viel schneller.«
Vorbild der Leipziger Schulinitiative ist die 1968 im US-Bundesstaat Massachusetts gegründete Sudbury Valley School. Sie gehört zu jenem Schultyp, der sich selbst das Attribut »demokratisch« zugelegt hat. Statt klassischem Unterricht mit einem Lehrer, der vor der Tafel steht und »frontal« unterrichtet, steht das selbstbestimmte Lernen der Kinder im Mittelpunkt. Zudem legen die Schüler – gemeinsam mit den Lehrern – die Schulregeln fest; bei den regelmäßigen Versammlungen gilt das Prinzip: »ein Mensch – eine Stimme«. Das Grundprinzip der Leipziger Sudbury-Schule sei, erläutert Uwe Hartung vom Trägerverein, »das Vertrauen in die Fähigkeit der Schüler jeden Alters, selbst zu bestimmen, welche Themen, Materialien und Personen für ihr Lernen und Leben wichtig sind«.
Selbst zu entscheiden, was man lernen wolle, und nicht zum Unterricht gezwungen werden zu können, das gefällt auch Maria. »In den letzten Tagen bin ich viel Einrad fahren und habe Gitarre geübt«, sagt sie. »Außerdem werde ich gerade in die Gebärdensprache eingewiesen, weil einer der Mitarbeiter ein Gehörloser ist.« Heute ist Maria allerdings zusammen mit dem kleinen Roman in einem der zwölf »peripheren Lernorte« der Sudbury-Schule. In den Büros einer Grafikfirma, die dem Sudbury-Verein nahe steht, führt sie ihren fünfjährigen Mitschüler in die PC-Benutzung ein.
Ein eigenes Gebäude hat die Sudbury-Schule Halle-Leipzig zurzeit nämlich nicht. Zwar hatte die Stadt Leipzig dem Verein im Juni 2004 ohne Einwände ein ehemaliges Schulgebäude vermietet, doch kurz bevor die Schule nach den Ferien Ende August feierlich eingeweiht werden sollte, kam ein Fax: Weil »die Erfüllung der Schulpflicht an der geplanten Schule« nicht gewährleistet sei, untersagte das Regionalschulamt Leipzig die Eröffnung.
Die Sudbury-Schulinitiative handelte schnell und kreierte ein System »peripherer Lernorte«, bei denen es sich zumeist um die Wohnungen der beteiligten Eltern handelt. So konnte der »Schulbetrieb« vorerst aufgenommen werden, wenngleich anders als vorgesehen und nur als vorübergehende Notlösung. Es gibt immerhin schon einen »zentralen Lernort« in einer angemieteten Fabriketage. Doch wo die genau liegt, will man nicht preisgeben – aus Angst vor den Behörden. Die Beteiligten reden zurzeit auch lieber von »Bildungsnetzwerk«, als den Begriff Schule in den Mund zu nehmen, um das Regionalschulamt nicht vorsätzlich auf den Plan zu rufen.
Wegen dieser Schwierigkeiten ist die Zahl der angemeldeten Kinder bereits von 35 auf 28 zurückgegangen. Die verbliebenen Eltern wollen sich aber auch von den zu erwartenden Bußgeldern nicht schrecken lassen. Im schlimmsten Fall könnten die Behörden die Kinder von der Polizei in eine staatliche Schule bringen lassen. Doch der Trägerverein setzt auf die Einsicht des Regionalschulamtes und hofft, dass man ihn am Ende gewähren lässt.
In Deutschland, dessen dreigliedriges Schulsystem weiterhin auf zentralen Vorgaben und der Aussonderung nach Leistungen beruht, mag ein solch radikales basisdemokratisches Konzept wie das der Sudbury-Schulen, ohne Noten und feste Unterrichtsstrukturen, befremdlich erscheinen. In vielen anderen Ländern hingegen, wo die Regelungen zur Schulpflicht und -gründung häufig liberaler sind, hat man sich an ihre Existenz schon längst gewöhnt. Das konnte auch beim Welttreffen der demokratischen Schulen im August in Berlin beobachtet werden, zu dem Teilnehmer aus den USA, Israel, Indien, Japan, Südkorea und Russland angereist waren. Weltweit gibt es inzwischen mindestens 70 Schulen, die den harten »demokratischen« Kriterien genügen; davon bekennen sich rund 40 zum Sudbury-Konzept. Die Summerhill-Leiterin Zoe Readhead, Tochter des legendären Gründers und Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill, beschrieb bei der Konferenz den gemeinsamen Ansatz: »Jedes Kind will lernen und etwas aus sich machen. Man muss Kindern nur die Zeit geben, selbst herauszufinden, was das Richtige für sie ist.«
In der konkreten Ausgestaltung der Lernfreiheit, der demokratischen Entscheidungsstrukturen und des Schulalltags gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Schulen. Einige bieten Kurse gemäß den traditionellen Fächern an, an denen die Kinder teilnehmen können, aber nicht müssen; bei anderen, wie den Sudbury-Schulen, wird Unterricht nur auf Initiative der Schüler eingerichtet. Die Unterschiede setzen sich in der Frage fort, wie Entscheidungen getroffen werden – mal mit einfacher Mehrheit, anderswo nach dem Konsensprinzip – und wie Regelverletzungen gehandhabt werden. Während etwa an den Sudbury-Schulen ein mehrheitlich mit Schülern besetztes Justizkomitee für die Konfliktlösung zuständig ist, bevorzugen andere Schulen ein Mediationsverfahren. Sicher ist jedenfalls, dass die Vorstellung, an diesen Schulen herrsche allein antiautoritäres Laissez-faire, eine Mär ist. »Wir haben rund 190 Schulgesetze«, berichtet etwa Zoe Readhead über Summerhill.
Gerade ältere Schüler, die von den staatlichen Regelschulen kämen, hätten zunächst häufig große Schwierigkeiten, ihren Tag selbstbestimmt einzuteilen, hieß es auf der Konferenz. Auch Zoe Readhead gab unumwunden zu: Es gab Schüler, die erst einmal drei Jahre mit dem Skateboard rumrasten oder im Wald spielten – bis sie schließlich zu Möbelhandwerkern, Schauspielern oder IT-Experten wurden. Dass die Abgänger demokratischer Schulen später im Berufsleben überdurchschnittlich erfolgreich seien, ist freilich nur eine persönliche Einschätzung Readheads, denn bislang gibt es keine wirklich fundierten wissenschaftlichen Studien über den Lernerfolg demokratischer Schulen. Bei der geringen Anzahl von Schülern, die derzeit demokratische Schulen besuchen, wären statistische Aussagen allerdings auch schwierig.
Sicher ist allenfalls, dass es eine alte reformpädagogische Forderung ist, den Kindern das Lernen selbst in die Hand zu geben; im Jahr vier nach Pisa bekommt die Idee nun auch in Deutschland Zulauf. Umstritten ist indes, inwieweit es sinnvoll ist, den Schülern gänzlich zu überlassen ob, was und wie sie lernen wollen. Dass man den Kindern »Anlässe für Motivation« liefern müsse, darauf pocht zum Beispiel Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund – »und das geht nicht immer nur auf völlig freiwilliger Basis«. Für Rösner »ist und bleibt Schule eine anstrengende Veranstaltung«, wobei er das durchaus positiv meint: »Wer Sport treibt, setzt sich ebenfalls Anstrengungen aus, und Schule, die keine Anstrengungen verlangt, nicht fordert und fördert, verfehlt nach meiner festen Überzeugung ihr Bildungsziel.«
Uwe Hartung von der Sudbury-Schule Halle-Leipzig kontert: »Wir sind keine absoluten Unterrichtsfeinde. Entscheidend ist, dass es bei uns keine Zwangsteilnahme am Unterricht gibt. Es sind die Schüler, die bestimmen sollen, wann und wie er stattfindet.« Dass man den Kindern ihre Zukunft verbaue, weil man an der Schule keinen weiterführenden Abschluss machen könne, will Hartung nicht gelten lassen: »Wer will, dem werden wir die Möglichkeit bieten, sich optimal auf externe Prüfungen vorzubereiten.«
Von etwaigen Abschlüssen sind die Kinder der Sudbury-Schule Halle-Leipzig aber zurzeit noch weit entfernt; sie müssen zunächst ihren Schulalltag organisieren – und das geht Schritt für Schritt. »Die ersten Regeln, die wir gemeinsam festgelegt haben«, berichtet Schülerin Maria, »betreffen das alltägliche Miteinander, den gewaltlosen Umgang mit Konflikten, den Schutz des Privateigentums sowie Sauberkeit und Ordnung.« Maria sagt, sie würde den Kleineren natürlich helfen; sich als Ältere um die Jüngeren zu kümmern sei selbstverständlich. »Wenn ich ein Buch lese, wundern sich die Kleinen, warum ich das kann. Dann erkläre ich ihnen natürlich das Alphabet.« Am Ende würden sie das Lesen und Schreiben ähnlich spielerisch erlernen wie das Laufen, hofft Maria.
Erheblich steiniger scheint der Weg zu sein, den die deutschen Sudbury-Initiativen eingeschlagen haben, um als private Ergänzungsschulen zugelassen zu werden. In Überlingen am Bodensee gibt es zum Beispiel bereits seit einem Jahr eine Sudbury-Schule, der die staatliche Anerkennung bisher ebenfalls versagt blieb. Dazu kommen sechs weitere Sudbury-Initiativen in Deutschland. Beim Welttreffen der demokratischen Schulen in Berlin schlossen sie sich zu einem Netzwerk zusammen, um ihre Interessen besser vertreten zu können.
Unterstützung erhalten sie zumindest durch die Erkenntnisse der Hirnforschung, die bestätigen, dass das von den demokratischen Schulen verfochtene Lernen ohne Zwang nachhaltig ist. Ein Mensch, zumal ein Kind, mache seine Sache nur gut, schreibt zum Beispiel der renommierte Psychiater Manfred Spitzer, »wenn die Sache ihm Freude macht, er den Dingen aus eigener Motivation nachgeht«. Und dass die herkömmliche deutsche Regelschule das angstfreie und zwanglose Lernen fördert, lässt sich wohl kaum behaupten. Die Sudbury-Schülerin Maria hat jedenfalls keine Angst vor der Zukunft. »Das Wichtigste, was man bei uns lernt, ist: Dass man alles, was man will, auch erreichen kann.«

Buch-Tipp: Daniel Greenberg, »Endlich frei. Leben und Lernen an der Sudbury-Valley-Schule«, Arbor-Verlag

Freiheit zu wachsen: Vor über dreißig Jahren wurde die Sudbury Valley School in Massachusetts gegründet. Sie ist bis heute ein Vorbild demokratischer Schulen

Ole Schulz

Ansprechpartner

Ronny Lier
ronny.lier@sudbury-hl.de

Kontakt

Kontaktformular

Copyright © 2005 Sudbury-Schule Halle-Leipzig e.V.entwickelt und gesponsert von TAUTOLOGIX und staffadvance