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P.T. Magazin, 21. November 2005

Aus Sorge um die Bildung ihrer Kinder suchen viele Eltern in Deutschland Alternativen zum staatlichen Schulsystem

Es geht um die Zukunft Deutschlands!“ Kein Satz dürfte in der politischen Auseinandersetzung der vergangenen Monate häufiger gefallen sein als dieser. Von der Neuwahl-Ankündigung Schröders Ende Mai bis zum Posten-Schacher der großen Parteien Mitte Oktober schrieben sich alle politischen Kräfte der Bundesrepublik die Zukunft unseres Landes auf ihre Fahnen. Die Themen variierten dabei kaum: Wirtschaftswachstum, Bekämpfung der Arbeitslosen – pardon, der Arbeitslosigkeit natürlich – Gesundheit, Rente und Staatsverschuldung. Zweifellos sind diese Bereiche wichtig, aber ein ganz entscheidender spielte überhaupt keine Rolle: die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen, welche schließlich die Zukunft Deutschlands verkörpern!

Wechselfieber

Wenn über Bildung diskutiert wird, dann aus finanzpolitischer Sicht. Brauchen wir Hochschulgebühren? Lohnen sich Ganztagsschulen? Bildungsinhalte stehen dagegen bei keiner der Parteien, denen es „um die Zukunft Deutschlands“ geht, auf der Agenda. Dabei gäbe es jede Menge Gründe, darüber nachzudenken, ob die heranwachsende Generation in den staatlichen Schulen optimal aufs Leben vorbereitet wird. Einer dieser Gründe heißt PISA, ist aber durchaus nicht der einzige. Seit geraumer Zeit machen sich viele Eltern in Deutschland wesentlich mehr Gedanken um die Bildung ihrer Kinder, als der dafür verantwortliche Staat es für nötig hält. Ergebnis dieser Suche nach Veränderungen ist häufig die Gründung alternativer, also nichtstaatlicher Schulen, welche in jüngerer Vergangenheit wie Pilze aus dem Boden zu sprießen scheinen.

Japanische Mathematik

Keine Sorge – Japaner rechnen auch nicht anders als wir. Nur ihre Lehr- und Lern-methoden können sich von den hierzulande üblichen unterscheiden. Bei der Kumon-Methode (www.kumon.de) ist das der Fall. Sie nutzt Mathematik als Instrument, um Kinder bei der Entwicklung einer eigenständigen Lernhaltung zu unterstützen.

Geschult werden nicht nur grundlegende Rechenfertigkeiten, sondern vor allem die wichtigsten Eigenschaften, die für ein lebenslanges Lernen entscheidend sind: Selbstständigkeit, Zielstrebigkeit, Selbstvertrauen und Gelassenheit. Die Methode geht auf den japanischen Mathematiklehrer Toru Kumon zurück, der bereits 1954 feststellte, dass seine Söhne beim Rechnen in der Schule keine optimale Förderung erfuhren.

Aufgrund seiner Erfahrungen als Gymnasiallehrer wusste er, dass es viele Kinder gab, die mit der Mathematik Probleme hatten und sagte sich: „Es kann nicht sein, dass die Kinder an einem Fach scheitern, das in sich so logisch aufbaut ist.“ Für ihn war klar, dass die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen nur die Freude am Lernen sein kann. Deshalb überlegte sich Toru Kumon einen Weg, der einerseits die Rechenfertigkeiten verbessern und gleichzeitig die Selbstlernfähigkeit der Kinder fördern sollte. Er begann, Aufgabenblätter für seine Kinder zu entwickeln. Fehler korrigierte er nicht, sondern markierte sie nur, weil die Kinder selbst auf die Lösung kommen sollten. Anfangs waren die Aufgaben sehr leicht, so dass die Kinder sie mühelos lö-sten. Sie waren stolz auf sich und wollten herausfinden, was sie noch alles konnten. Und schon war ihre Neugier geweckt! Das hatte zur Folge, dass die Kinder nicht nur ihre Rechenfertigkeiten mit Begeisterung ausbauten. Vielmehr hatten sie gelernt, sich insgesamt besser zu konzentrieren. Sie wollten sich auch neue, unbekannte Inhalte in anderen Fächern selbstständig erschließen. Kurzum: Sie hatten die Freude am Selbstlernen entdeckt. Fortan trat die Kumon-Methode ihren Siegeszug um die Welt an. Mittlerweile freuen sich mehr als 3,7 Millionen Kinder in 44 Ländern darüber, dass sie durch Kumon ihren eigenen Lernweg gehen können.

Aus Sicht der Kinder

Während die Kumon-Methode gerade ein halbes Jahrhundert alt ist, reichen die Ur-sprünge der Freinet-Pädagogik (FP; www.freinet.paed.com) bis ins Jahr 1920 zurück. Damals wollte der Dorfschullehrer Célestin Freinet in Südfrankreich eine andere Form der „Volksschule“ entwickeln. Kerninhalte der FP sind die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt, Selbstverantwortlichkeit des Kindes sowie Kooperation und gegenseitige Verantwortlichkeit.

Beim freien Schreiben, Gestalten oder Musizieren lernen die Schüler, sich zu öffnen und auf andere einzugehen. Ihre Lebenswelt und Bedürfnisse bilden den Ausgangspunkt für praktische Arbeitsvorhaben, Untersuchungen und Erkundungen. Dabei sollen die Kinder lernen, nicht nur die eigene Situation einzuschätzen und die Arbeit nach selbst gewählten Maßstäben zu organisieren, sondern auch die persönliche Identität und die Verschiedenheit der Mitschüler zu respektieren. Überdies ist in der FP das demokratische Zusammenleben kein abstrakter Unterrichtsinhalt, sondern beinhaltet auch das Hinterfragen von bestehenden Regeln und Strukturen. Um diese Prinzipien verwirklichen zu können, wurde eine Fülle von Techniken, Methoden und Arbeitsmitteln ent­wickelt (siehe Infokasten). In der Bundesrepublik wurde die Freinet-Pädagogik erstmals um 1965 durch Hans Jörg bekannt. Stärkere Bedeutung erlangte sie erst ab Mitte der 70er Jahre.

Behörden argwöhnisch

In eine ähnliche Richtung zielt die seit 1907 praktizierte Montessori-Pädagogik (www.montessori.de). Auch sie orientiert sich unmittelbar am Kind und dessen Bedürfnissen. Weitere, bereits etablierte reformpädagogische Ansätze verbergen sich hinter Namen wie Waldorf, Summerhill oder Sudbury. Sie alle haben eines gemeinsam: Diese Schulen bieten Alternativen zu traditionellen staatlichen Bildungseinrichtungen. Und genau das macht sie für die Behörden „verdächtig“. Wenngleich bereits existierende nichtstaatliche Schulen mehr oder weniger geduldet werden, so lässt doch die Staatsmacht kaum eine Gelegenheit aus, Neugründungen zu verhin-dern oder wenigstens mit allerlei Schikanen zu bedenken.

Die Initiatoren einer Sudbury-Schule in Leipzig oder der Freien Schul-Alter­native in Mannheim könnten ein Lied davon singen. Während Letztere im September 2005 wenigstens starten konnten, wurde die Eröffnung der Sudbury-Schule in Leipzig vom Regionalschulamt verboten.

Doch die Eltern wehrten sich, manche von ihnen nahmen ihre Kinder trotzdem aus der staatlichen Schule und lassen es nun auf einen Rechtsstreit ankommen. Doch ganz gleich, wie der ausgehen mag, er verdeutlicht eine Tendenz: Immer mehr Familien – welche die Keimzellen unserer Gesellschaft sind – nehmen nicht unerhebliche Risiken auf sich, um ihre Kinder der staatlichen Bildungsobhut zu entziehen. Das sollte den zuständigen Behörden nicht Anlass sein, die Familien zu bekämpfen, sondern beim Thema Bildung endlich ihre Hausaufgaben zu machen.

Ansprechpartner

Ronny Lier
ronny.lier@sudbury-hl.de

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