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Kreuzer, Heft 08/2005, 01. August 2005 Schule ohne VormundIn der Leipziger Sudbury School lernen Kinder, was sie wollen. Staatlich anerkannt ist das nicht."Mama, heute will ich lernen, wie man angelt, und morgen auch. Überhaupt will ich nichts anderes mehr lernen!" - "Natürlich, mein Schatz, aber erst nach der Schule!" Das würde eine Mutter sagen, deren Kind eine staatliche Schule besucht. Wenn es aber zu einer Sudbury School geht, möchte die Mutter, dass ihr Kind während der Schulzeit lernt, was es will. Denn hier gibt es keine Fächer. Die Kinder entscheiden selbst, was sie wann lernen und mit wem. Und sei es auch Angeln.
Ab August wird es dieses freie Schulprojekt auch in Leipzig geben. 40 Schüler im Alter von 3 bis 16 Jahren sind bereits angemeldet, denen neun Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Wie beim amerikanischen Vorbild aus der 68er-Zeit wird es keine klassischen Lehrer geben, hier heißen sie "Mitarbeiter". Sie müssen nicht über eine staatlich anerkannte Qualifikation verfügen, sondern auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können. Wenn die Schüler etwas lernen wollen, sprechen sie einen Mitarbeiter an. Kann er das Fach nicht unterrichten, muss er den Unterricht organisieren und zum Beispiel Kollegen ansprechen oder Honorarkräfte von außerhalb holen. Finanziert werden soll das hauptsächlich über den Elternbeitrag von 198 € pro Monat, außerdem bemüht man sich um Sponsoren.
Das größte Problem, mit dem Initiator Uwe Hartung zu kämpfen hat, ist die Befreiung von der allgemeinen Schulpflicht: "Eine Sondergenehmigung ist beantragt, aber der Rahmen ist nun enger, als man im Kultusminsterium erst sagte." Wenn Eltern ihre Kinder nicht an eine staatlich anerkannte Schule schicken, drohen ihnen Bußgelder. Die Leipziger nehmen sie in Kauf, weil sie an das Konzept glauben.
Vereinsvorstand Sören Kirchner zum Beispiel möchte seinen Sohn "nicht in ein diktatorisches System stecken". An der Sudbury Schule fallen Bevormundungsprozesse weg, geregelt wird der Schulalltag durch die Mitgliederversammlung, die einmal in der Woche tagt. Dort hat jeder eine gleichberechtigte Stimme, Mitarbeiter genauso wie Schüler und Eltern. Die Gemeinschaft erlässt Regeln und niemand kann sie alleine ändern. Dieses Verfahren soll den Kindern ein Verständnis für Rechtsstaatlichkeit vermitteln.
Unumstritten ist der libertäre Ansatz jedoch nicht. Joachim Engelhardt, Gymnasialschuldirektor und ehemaliger Fachberater für Waldorfschulen, gibt zu bedenken, dass man, "um wissen zu können, was man lernen will, die Inhalte kennen muss". Das eigentliche Problem der Sudbury Schule sieht er aber nicht in deren inhaltlichen Konzept, sondern in der rechtlichen Legitimierung: "Eine Schule kann nur als Ersatzschule, also als gleichrangig zu einer staatlichen Schule, anerkannt werden, wenn die Lehrer über ein Staatsexamen verfügen oder eine spezielle Ersatzprüfung abgelegt haben."
Die Sudbury Schule strebt diesen Status dennoch an. Ohne anerkannte Lehrkräfte und einen vorbestimmten Lehrplan werden sich die Behörden damit aber schwer tun.
Pia Meis |