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Berliner Morgenpost, 04. August 2005

Schule ohne Noten - Kinder bestimmen, was sie lernen wollen

Berliner Verein will "demokratischen Unterricht" einführen.

Es ist der Traum eines jeden Pennälers: Eine Schule ohne Zensuren, ohne Lehrpläne und ohne Fächer. Jeder kann lernen, was er möchte und wie er möchte. Ein Witz? Nicht für Martin Wilke. Der 25jährige ist Mitbegründer eines Berliner Vereins mit 13 Eltern, Ex-Lehrern und Studenten, die eine solche zwanglose Schule in Berlin eröffnen möchten. Ein Antrag an die Bildungsverwaltung ist schon gestellt.

"Zum Schuljahr 2006/07 wollen wir anfangen", sagt Wilke. Im Ernst. Der Student der Politikwissenschaft hält Schule, wie sie heute abläuft, eher für "einen tragischen historischen Irrtum" denn für eine moderne Errungenschaft. Eine Einrichtung, die eine glatte Fünf verdient hat - um das System mal mit seinen eigenen Noten zu schlagen. Statt Lust aufs Lernen, vermittele die Schule von heute eher Frust aufs Pauken - mit dem Ergebnis, daß nicht viel hängenbleibe im Gedächtnis. "Weil man als Schüler vorgeschrieben bekommt, mit welchen Dingen man sich beschäftigen muß, entwickelt man eine Abneigung dagegen", formuliert Wilke seine Systemkritik. Und er spricht aus Erfahrung. "Zum Beispiel Literatur des Mittelalters. Hat mich nie interessiert, ebenso wenig wie Elektromagnetismus", sagt der junge Mann mit dem Pferdeschwanz und fragt sich heute, warum er damit "gleich drei Oberstufensemester lang" behelligt worden ist.

Dabei gehe es auch anders. "Jedes Kind interessiert sich für etwas, und wenn man Dinge aus eigenem Antrieb heraus wissen möchte, dann lernt man sie schneller und vergißt sie auch nicht wieder."

Lernen lassen statt lernen müssen, lautet die Devise von weltweit etwa 70 demokratischen Schulen, die Vorbild für die Berliner Initiative sind. In demokratischen Schulen gibt es kein Zittern vorm Direktor. Dort bestimmen die Schüler - gleichberechtigt mit ihren Lehrern - nach welchen Regeln ihre Schule funktionieren soll.

Lernfreiheit sei alles andere als der Schlüssel zu Faulheit und Unfähigkeit, versichert Wilke. Die Sudbury-Valley-School in den USA beispielsweise arbeite seit 37 Jahren erfolgreich. "Die Mehrzahl der Absolventen geht danach zur Uni oder zum College." Sudbury-Schüler überlegten sich eben selbst: Was muß ich lernen, um im Leben erfolgreich bestehen zu können?

So viel Mitdenken geht der Berliner Bildungsverwaltung denn doch zu weit. "Eigenverantwortliche Schüler sind gut, kreative Schulen noch besser", heißt es dort. "In der vorliegenden Form hat der Antrag keine Chance. Ganz ohne Lehrer, Noten und Stundenplan geht's denn doch nicht."

Wilke und seine Mitstreiter wollen sich dadurch nicht entmutigen lassen: "Zur Not verzichten wir auf staatliche Zuschüsse und gründen eine Ergänzungsschule." Sachsen ist da schon weiter. In Leipzig soll Ende August die Sudbury-Schule Halle-Leipzig ihren Betrieb aufnehmen, mit 35 Schülern im Alter von drei bis 18 Jahren. Als Ersatzschule zu einer staatlichen Einrichtung gab es allerdings auch dort keine Anerkennung vom sächsischen Schulministerium. "Wir wollen die Genehmigung jetzt einklagen", sagt der Vorsitzende des Trägervereins, Uwe Hartung. Deutschlands erste Sudbury-Schule hat im April 2004 im Baden-Württembergischen Überlingen eröffnet.


Christa Beckmann

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Ronny Lier
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