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Süddeutsche Zeitung, 08. August 2005 Was ihr wolltStreit um "demokratische Schulen": Auch in Deutschland sollen Kinder ihren Unterricht selber bestimmen können - für die Behörden undenkbar.Es liest sich wie ein Auszug aus einem utopischen Schülerzeitungsaufsatz Unterricht findet nur auf Wunsch statt; die Lehrer heißen Mitarbeiter und können abgewählt werden, wenn die Schüler mit ihnen unzufrieden sind. Für 35 Kinder aus Sachsen sollen diese Vorstellungen bald zum Schulalltag werden. Sie werden von September an die Sudbury-Schule Halle-Leipzig besuchen, die am 1. August auf der Internationalen Konferenz über demokratische Bildung (IDEC) feierlich gegründet wurde.
Dieses alljährliche "Welttreffen demokratischer Schulen" fand dieses Mal in Berlin statt, um alternative Bildungseinrichtungen in Deutschland zu unterstützen. Denn diese haben es nicht einfach - eine Schule, in der die Schüler bestimmen können, was sie wann und von wem lernen, verträgt sich schlecht mit deutschen Lehrplänen, Gesetzen, Verordnungen. In Leipzig bahnt sich daher ein Konflikt mit den Behörden an, und weder die Eltern noch das Schulamt sind darin zum Einlenken bereit.
Gleiche Rechte für alle
Einer der Mitbegründer der Leipziger Schule ist Uwe Hartung. Der 44-jährige Lehrer ist ein glühender Verfechter der Reformpädagogik, wie sie in der englischen Summerhill-Schule und der Sudbury-Valley-Schule im US-Bundesstaat Massachusetts unterrichtet wird. Weltweit orientieren sich mehr als 40 Einrichtungen an Subdbury, auch den Leipzigern diente sie als Vorbild für ihre Gründung. Daneben gibt es bereits in Überlingen am Bodensee eine deutsche Sudbury-Schule - die allerdings nicht offiziell anerkannt ist. Hartung weiß von sechs weiteren Initiativen zwischen München und Osnabrück, die den Aufbau einer Sudbury-Schule planen. In Berlin schlossen sich die Initiativen nun zu einem Netzwerk zusammen, um ihre Interessen besser vertreten zu können.
Einrichtungen wie die Sudbury-Schulen bezeichnen sich selbst als "demokratische Schulen". Das bedeutet, dass den Schülern sehr viel Mitbestimmungsrechte eingeräumt werden. Sie lernen nur das, was sie lernen wollen, können ihre Zeit frei einteilen, eigene Regeln für den Schulbetrieb in einer Versammlung beschließen und in manchen Fällen sogar den Finanzhaushalt der Schule planen. Die Lehrer haben in der Versammlung gleiches Stimmrecht wie die Schüler. Über die Einhaltung der Regeln wacht eine Art Schulgericht, das mit Kindern und Erwachsenen besetzt ist. "Schulen sind nicht schlauer als die Schüler selbst", begründet der Leipziger Hartung das Mitspracherecht der Kinder. Außerdem bereite man Kinder am besten auf das Leben in einer Demokratie vor: "Schulen sollen das machen, was in der Gesellschaft üblich ist".
So viel Freiheit verträgt sich nach Meinung des Regionalschulamts Leipzig freilich nicht mit der Verfassung. Dem Grundgesetz und den Schulgesetzen der Länder zufolge habe der Staat schließliche einen Erziehungs- und Bildungsauftrag, sagt Gert Kusserow, stellvertretender Leiter der Behörde. Und weil der Staat diesen Auftrag habe, gehe es eben nicht, dass ein Schüler selber entscheidet, ob er sich bildet oder nicht. Nach Ansicht der sächsischen Behörden ist deshalb eine Schule ein Ort, an dem "planmäßig" gelernt wird. Und genau das lehnen Leute wie Uwe Hartung ab.
Bußgelder für die Eltern
Wie der Konflikt in Leipzig verlaufen könnte, lässt sich am "Katzenhäusle" studieren, der Schule in Überlingen am Bodensee, die nach dem Sudbury-Konzept arbeitet. Wobei Matthias und Karen Kern, Mitbegründer der Einrichtung, vorsichtig geworden sind und deshalb das Word "Schule" ungern in den Mund nehmen. Matthias Kern nennt das "Katzenhäusle" lieber ein "Zentrum für Kommunikation und Bildung, in dem sich ältere und jüngere Menschen während der Schulzeit treffen und zusammen etwas machen, was keine Schule sein darf".
Das Oberschulamt Tübingen nennt das "Katzenhäusle" dagegen "illegal". Deshalb haben Eltern, die ihren Kindern dorthin schicken, bereits Bußgeldbescheide in Höhe von mehreren hundert Euro erhalten, weil sie nach Ansicht des Amtes gegen die Schulpflicht verstoßen. Behördensprecher Paul-Gehard Roller zufolge überlegen die Schulamts-Juristen bereits, wie man demnächst auch die Betreiber der Schule zur Kasse bitten kann. Das letzte Mittel wäre, die Kinder von der Polizei in eine staatliche Schule bringen zu lassen - aber davor ist die Behörde bislang zurückgeschreckt. Eine Einigung hält Roller für unwahrscheinlich. Dazu müsste das "Katzenhäusle" sein Konzept grundlegend verändern. Vor allem verlangt die Schulbehörde, dass die baden-württembergischen Bildungsstandards eingehalten werden. Das bedeutet, dass bestimmte Lernziele in einer bestimmten Zeit erreicht sein müssen.
Weder die Kerns noch Hartung haben grundsätzlich etwas gegen Lernziele. Sie sind überzeugt, dass Sudbury-Kinder ohne Probleme die staatlich anerkannten Abschlüsse erreichen können. Den Weg zum Zeugnis sollen die Kinder aber selbst wählen. "Manche Kinder lernen eventuell erst mit Zwölf Lesen, aber wenn sie Fünfzehn sind, merkt man keinen Unterschied mehr zu Kindern, die es früher gelernt haben", sagt Karen Kern.
Hartung hat selbst eine 15-jährige Tochter, die die Summerhill-Schule in England besucht. Marie wollte bereits mit drei Jahren Englisch lernen und ihrem Vater zufolge hat sie sich mit Dreizehn schon mit höherer Mathematik beschäftigt. Jetzt interessiert sich dafür weniger. "Sie hat plötzlich lieber Musik gemacht und nun spielt sie auch noch Fußball", sagt Hartung. Dass die Tochter noch nicht an einen Abschluss denkt, beunruhigt den Vater nicht. "Wenn sie sich dafür entscheidet, zu studieren, dann wird sie den Abschluss in kürzester Zeit haben." Hartung zufolge verlässt nur einer von 40 Schülern Summerhill ohne Hochschulreife.
Solche Zahlen sind auch im Leipziger Schulamt bekannt. Das Problem ist allerdings, dass es bislang keine wirklich fundierten wissenschaftlichen Arbeiten über die Chancen und Risiken von "demokratischen Schulen" gibt. Die müssten man erst in Modellversuchen erstellen. Gerd Kusserow deutet an, dass es prinzipiell die Möglichkeit gebe, die Sudbury-Schule Halle-Leipzig als Versuch zu betrachten und sie dann "ergebnisorientiert" zu bewerten. "Aber das ist eine politische Entscheidung. Wir machen hier nur Verwaltung", sagt Kusserow.
Die Schulgründungs-Initiative in Leipzig bereitet sich unterdessen auf eine Auseinandersetzung vor und hat sich einen Rechtsanwalt genommen. Der Schulstart soll aber in jedem Fall wie geplant am 27. August gefeiert werden - inklusive "Zuckertütenfest".
Gunnar Herrmann |